Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Samstag, 27. Dezember 2014

LA NOCHE DEL TERROR CIEGO (1971)














DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN
Portugal, Spanien 1971
Regie: Amando de Ossorio
DarstellerInnen: Lone Fleming, César Burner, María Elena Arpón, Joseph Telman, Rufino Inglés u.a.


Inhalt:
Virginia, die mit ihrem Freund Roger eine Zugreise geplant hat, trifft bei einem Strand-Aufenthalt auf ihre alte Schulfreundin Bella, die (vom sabbernden Roger) prompt zur Mitreise eingeladen wird.
Roger ist so angetan von der schönen Bella (nomen est omen), dass er kaum seine Augen bzw. Finger von ihr lassen kann.
Bella ist allerdings aus einem anderen Grund mitgekommen: in Wirklichkeit ist sie seit der Schulzeit hinter Virginia her...
Genervt von Roger und Bella, deren kindischer Flirterei und Bellas Avancen beschließt Virginia kurzerhand vom Zug zu springen (bei einer Dampflok war sowas noch möglich) und mit ihrem Gepäck und Schlafsack alleine durchs Land zu ziehen. Inmitten einer verlassenen Burgruine sucht sie des Nächtens Schutz - nur um bald von untoten Mitgliedern des Templerordens, die in der Dunkelheit aus ihren Gräbern kriechen, über die Wiesen gejagt und schlussendlich zu Tode gebissen zu werden.
Auf der Suche nach ihrer Freundin stoßen Roger und Bella schließlich auf den im Fall ermittelnden Mordkommissar und werden von diesem informiert, dass Virginia von ihnen gegangen ist.
Naja, nicht ganz. Was sie nicht wissen: auch sie gehört jetzt zu den Untoten...
Auf eigene Faust beginnen die Freunde zu ermitteln. Sie wollen in Erfahrung bringen, was tatsächlich mit Virginia passiert ist und erfahren Schreckliches über die Legenden um Balzano (Ruine und Umgebung), die Geschichte der Templer und die Legenden über die nächtliche Wiederauferstehung der Ordensmitglieder.
Durch ihre Recherchen bringen sie sich selbst in die Nähe der Untoten und in unmittelbare Lebensgefahr...


In Scharen stolpern sie auf Virginias Unterschlupf zu


Bella und Roger erfahren vom Tod der Freundin


Ich kann mich noch deutlich erinnern an meine ambivalenten Gefühle für "Die Nacht der reitenden Leichen", als ich ihn in jungen Jahren (genauer gesagt mit 12) zu später Stunde zum ersten Mal im Rahmen von "Hildes wilde Horrorshow" (Sendung auf RTL plus) gesehen habe.
Einerseits fand ich die Geschichte ziemlich lächerlich und manche Effekte etwas amateurhaft, andererseits ging eine unbestreitbare Faszination von diesem Film aus, die ich (stark geprägt vom amerikanischen Horror wie "Nightmare on Elm Street" oder "Die Fliege") noch nicht in Worte fassen konnte.
Meine jugendliche Neugier hielt mich wach und ließ mich gebannt die Handlung dieses für mein damaliges Bewertungssystem schrägen Horrorfilms bis zum Abspann verfolgen.
Erst viele Jahre später ergab sich für mich die Gelegenheit, die Untaten der blinden Tempelritter in guter Qualität und mit gereiftem Bewusstsein für die Ästhetik von Horrorfilmen und einer aufkeimenden Affinität zu europäischem Kino in anderem Licht zu betrachten.
Heute zählt er zu einem meiner Genre-Favoriten.

Amando de Ossorios "Die Nacht der reitenden Leichen" wurde im Jahre 1971 veröffentlicht und sollte zumindest jedem wahren Eurohorror-Fan ein Begriff sein.
Trotz Minimalst-Budget hat de Ossorio eine kleine charmante Genreperle geschaffen - deren unheimliche Atmosphäre nicht einmal die deutsche Trash-Synchro zu zerstören imstande ist.
Die halb skelettierten und verwesten Templer mit ihren verdreckten Fetzen-Umhängen sind sowohl zu Fuß als auch zu Pferde eine imposante Erscheinung.
Deren Gewandung ist mit viel Liebe zum fetzenhaften Detail gestaltet und sucht in der Welt des Horrorfilms vergeblich seinesgleichen.

Die Geschichte um die mysteriösen Templer, die von ihren Kreuzzügen aus dem Orient zurückkehrten und neben materiellen Schätzen diverse okkulte Geheimrituale im Gepäck trugen, beflügelt die Phantasie.
Mit einem restriktiven und zensurfreudigen Franco-Regime im Nacken musste sich de Ossorio zwar in seinem künstlerischen Schaffen etwas zurückhalten, dennoch gibt es einige mit netten Splatter-Elementen garnierte Szenen und attraktive Frauen zu bewundern.
Auch andere liebgewonnene klassische Horror-Klischees wie sich von Geisterhand öffnende Grabsteine, nebelverhangene Wiesen, ein verrückter Professor und ein kauziger Leichenbestatter, Bösewichte und satanische Zeremonien werden in "Nacht der Reitenden Leichen" bedient.

Gedreht an Original-Schauplätzen, untermalt mit leicht psychedelisch wirkendem Soundtrack, der auch direkt aus einer Irrenanstalt stammen könnte und einem düsteren, beinahe apokalyptischen Ende, lässt der Film die (hoffentlich vorhandenen) Herzen von Fans des klassischen Horror-Films höher schlagen.

Um schließlich nicht das letzte Fünkchen Objektivität im Keim zu ersticken, sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass heutzutage die negativen Kritiken in der Überzahl zu sein scheinen.
Dies mag wohl daran liegen, dass der Film bisweilen (zum Teil auch dank der deutschen Synchronisation) ziemlich trashig wirkt, die Sleaze-Szenen (Beispiel: Zug) unnötig sind und die Effekte nicht gerade aussehen, als wären sie von Stivaletti oder Savini gemacht worden.
Die Bewegungen der Templer wirken unkoordiniert, aber die Geschichte bietet immerhin eine plausible und zugleich entzückend simple Erklärung dafür, dass sie so herumstolpern. Böse Krähen haben ihnen nach ihrem Tod nämlich die Augen ausgepickt! Noch Fragen?

Wer über solche "Kleinigkeiten" hinwegsehen kann (manche von euch können diese Argumentation sicherlich bestens nachvollziehen), der freut sich über die Horror-Atmosphäre und einen nostalgischen Ausflug in die Zeit der Schlaghosen und ultra-kurzen Hotpants.
Und wer dazu noch handgemachte Effekte und wunderschön beleuchtete mittelalterliche Originalschauplätze zu schätzen weiß, der muss "Die Nacht der reitenden Leichen" lieben.

Dieser kleine spanische Low-Budget-Film war jedenfalls ein Hit an den europäischen Kinokassen und der Erfolg so groß, dass er immerhin drei offizielle Sequels (über deren Qualität sich wahrlich streiten lässt) nach sich gezogen hat.

Aus der Serie "Dialoge, die das Leben schrieb" aka "Wie überbrücke ich unangenehme Stille":
Bella und Roger bei den Ruinen, auf der Suche nach der verschollenen Freundin.
Bella: "Komm gehen wir! Mir ist das nicht geheuer und ich habe keine Lust, die Nacht hier zu verbringen!"
Roger: "Wir haben doch Zeit. (Mit erhobener Stimme, leicht energisch:) Und ich will wissen, wo Virginia ist!"
Sie gehen ein paar Meter weiter.
Bella: "Komm gehen wir! Mir ist das nicht geheuer!"
Roger (sich stirnrunzelnd mit ernstem Gesicht umschauend): "Ich will wissen, wo Virginia ist!"

"Die Nacht der reitenden Leichen" ist ein charmantes und atmosphärisch düsteres spanisches Horror-Märchen aus den frühen Siebzigern, das Filmfans, die über die im Review erwähnten Kritikpunkte hinwegsehen können, auf jeden Fall kennen sollten.

Vor dem Kauf sollte man sich jedoch mittels ofdb informieren. Es gibt zahlreiche Cut-Versionen, vor allem in Deutschland. Bei einer österreichischen Fassung oder der Sargbox von Blue Underground kann man jedoch ohne Bedenken zugreifen.




Foto: Sarg Box (The Blind Dead Collection) von Blue Underground und eine Österreich-Edition



Freitag, 26. Dezember 2014

UN OMICIDIO PERFETTO A TERMINE DI LEGGE (1971)














CROSS CURRENT
Italien, Spanien 1971
Regie: Tonino Ricci
DarstellerInnen: Philippe Leroy, Elga Andersen, Ivan Rassimov, Rosanna Yanni, Franco Ressel, Rina Franchetti u.a.


Inhalt:
Bei einem Speedboot Rennen wird der reiche Marco Breda schwer verletzt. Eine riskante, aber lebensrettende Gehirn-OP verläuft erfolgreich, wenn man über Bredas leichte Amnesie hinweg sieht.
Marco versucht sich auf seinem schönen Landsitz in Gesellschaft von seiner Frau und Freunden zu erholen.
Doch irgendetwas trübt die Idylle – ist es Marcos geschädigtes Hirn, das ihm Streiche spielt oder gibt es eine Verschwörung gegen ihn?
Als Marcos ehemaliger Gärtner ermordet wird, taucht Kommissar Baldini auf und schürt mit der Vermutung, dass der Bootsunfall ein Sabotageakt war, Marcos Paranoia...


Marco versucht sich zu erinnern


Tommy (Franco Ressel) mit ordentlich sitzender Frisur


Wenn mein Lieblings-Knautschgesicht Philippe Leroy ("Yankee", "Milano Kaliber 9") auf den markant kantigen Ivan Rassimov ("Der Killer von Wien") trifft und der unvergleichlich unansehnliche Franco Ressel (herrlich skurril als Herr Stengel in "Sabata") durch diverse Szenenbilder stolpert, ist das für einen Film aus den frühen Siebzigern schon die halbe Miete.
Zumindest bei mir.

"Cross Current" ist kein tiefgründiger Giallo mit gut durchdachter Erzählstruktur. Er eignet sich eher für fortgeschrittene Genre-LiebhaberInnen, die sich am Anblick altbekannter Gesichter erfreuen.
Die darüber lachen können, wenn Franco Ressels Glatze-Verdeck-Locke vom Wind auf die falsche Seite geweht wird, die die dekadente Schnösel-Atmo der Siebziger genießen und denen jede Flasche J&B, die in die Kamera gehalten wird, ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

Jeder gegen jeden, traue Niemandem (und im Falle vom gedächtnismäßig ramponierten Marco nicht einmal dir selbst)!


So lautet das Motto dieses herrlichen unbraven zeigefreudigen Krimis, der keine Klischees auslässt und neben Erotik und Sexszenen sogar Eingeweide in Nahaufnahme präsentiert.
Besonders die Kameraführung und Perspektiven überraschen und verleihen dem Film einen putzigen Charakter.
Beispielsweise wenn Marcos Freund Tommy aus einem Baum herauszulaufen scheint oder die Haushälterin mit Marcos Gattin spricht, Letztere sich zu Bett begibt und die Kamera weiter nach rechts schwenkt, um den Blick auf Marco und die verführerische Terry, die in Over-Knee-Stiefeln und Hotpants neben ihm sitzt, freizugeben.
Eigentlich schon wieder passend zur Grund-Thematik: Verlass dich nicht auf das, was du siehst. Niemand ist das, was er vorgibt zu sein.

Zum Finale drehte der Regisseur offenbar nochmal ordentlich am Rad und es wird als Draufgabe zu einer berückenden Gotik-Grusel-Stimmung sogar noch ordentlich blutrünstig.

Noch immer höre ich "Yellow River" von "Christie", zu dem Terry in einer Disco-Szene ihre Hüften schwingt.
Ein schrecklicher Ohrwurm. Aber das nimmt man gerne in Kauf für die 90 Minuten an gemütlicher Unterhaltung, die "Cross Current" bietet.
Bitte einsteigen in das Boot, das euch mitnimmt auf die bestimmt nicht langweilige Fahrt über diesen gelben (ital. giallo) Fluss.



Montag, 22. Dezember 2014

LET'S SCARE JESSICA TO DEATH (1971)














GRAUEN UM JESSICA
USA 1971
Regie: John D. Hancock
DarstellerInnen: Zohra Lampert, Barton Heyman, Kevin O'Connor, Gretchen Corbett, Alan Manson u.a.


Inhalt:
Jessica, ihr Mann Duncan und deren gemeinsamer Freund Woody ziehen in ein abgelegenes viktorianisches Farmhaus auf dem Land.
Gerade erst von einem mehrmonatigen stationären Aufenthalt in einer Nervenklink entlassen, hofft Jessica, inmitten der idyllischen Umgebung ihre psychische Gesundheit wieder vollends herstellen zu können.
Die Dorfbewohner verhalten sich den Neuankömmlingen gegenüber seltsam reserviert, fast schon feindselig.
Im Haus angekommen, stellen die drei Freunde fest, dass dieses bereits bewohnt ist: Emily, eine hübsche rothaarige Frau, hat es sich in dem vermeintlich verlassenen Haus gemütlich gemacht.
Da sie allen sympathisch ist, wird sie in der Hausgemeinschaft aufgenommen und darf bis auf Weiteres bleiben. Doch irgendetwas scheint mit ihr nicht ganz zu stimmen... Nicht nur, dass sie einer Frau auf einem alten, vergilbten Foto, das Jessica auf dem Dachboden des Hauses findet, zum Verwechseln ähnlich sieht. Sie hat auch etwas Bedrohliches, Unwirkliches an sich.
Jessica ignoriert vorerst die warnenden Stimmen in ihrem Kopf, bis sie immer mehr Hinweise findet, dass ihr aller Leben in Gefahr ist...


Das ominöse stumme Mädchen versucht Jessica zu warnen


Auch sie macht der armen Jessica eine Heidenangst


Es gibt Filme, bei denen ich aus dem Staunen darüber, wie stiefmütterlich sie behandelt werden, kaum herauskomme. "Das Grauen um Jessica" ist einer davon.
Warum dieser schöne klassische Horrorfilm aus den frühen Siebzigern wohl bislang ausschließlich in Amerika erhältlich ist?
Der Regisseur dieses Films, John D. Hancock, ist ein relativ unbekannter Filmschaffender, der offenbar außer einigen 80er Jahre Serien nur wenig gedreht hat.
Sein erster Spielfilm "Let's scare Jessica to death" weckt bei mir Assoziationen zum faszinierenden "Messias des Bösen": sowohl stilistisch, als auch in Punkto Qualität sowie Bekanntheitsgrad her finden sich Parallelen.
Beide Filme sind meiner Meinung nach zu Unrecht nur wenig bekannte Genreperlen aus den 70er Jahren.

Die Geschichte ist aus der Perspektive Jessicas erzählt. Wir können Teil haben an ihrer Gedanken- und Gefühlswelt, ihren emotionalen Berg- und Talfahrten und ihrer zunehmenden Verunsicherung und Angst.
Bis zum Ende ist unklar, ob Jessica aufgrund ihrer Labilität besonders sensibel und somit imstande ist, als Einzige die Bedrohung zu erkennen oder ob Jessica's eigene angeschlagene Psyche der Auslöser für die geisterhaften Phänomene ist.
Egal zu welcher Interpretation man selbst tendiert, der Film wirkt in erster Linie durch seine alptraumhafte Atmosphäre. Sogar an sich recht banale Szenen wirken Furcht einflößend, weil durch die Art der Aufnahme und die Musik ständig vermittelt wird: "Nimm dich in Acht, hier stimmt etwas nicht!"

Nebelverhangene Landschaften, ein immer wieder unvermittelt auftauchendes stummes Mädchen in einem weißen Kleid und eine im See ertrunkene Frau, die plötzlich im Wasser auftaucht und nach Rache sinnt, jagen Fans des stilvollen Grusels wohlige Schauer über den Rücken.

Die Wirkung dieses besonders unheimlichen Films entfaltet sich auf subtiler Ebene und wird zudem gekonnt ergänzt vom archetypischen psychologischen Horror: dem Gefühl der Entfremdung von ehemals vertrauten Personen, dem Erkennen der drohenden Gefahr und dem Unvermögen, die anderen davor zu warnen und der schlussendlich bitteren Erkenntnis, ganz auf sich allein gestellt den Kampf um Leben und Tod auf sich nehmen zu müssen.

Ein auf Zelluloid gebannter Alptraum aus vergangenen Zeiten, der durch eine absolut klaustrophobische Atmosphäre besticht und dadurch - im Gegensatz zu aktuellen Gruselfilmen - ohne Gongschläge, Kreisch-Einlagen oder überlaute Geräusche auskommt.
Darf's mal etwas leiser und subtiler sein?
Dann tauch gemeinsam mit Jessica in diesen bedrohlichen Alptraum ein. Aber pass gut auf, dass du auch wieder daraus erwachst...




Foto: DVD von Paramount



Samstag, 20. Dezember 2014

LA BELVA COL MITRA (1977)














DER TOLLWÜTIGE
Italien 1977
Regie: Sergio Grieco
DarstellerInnen: Helmut Berger, Marisa Mell, Richard Harrison, Nello Pazzafini, Vittorio Duse, Marina Giordana, Claudio Gora u.a.


Inhalt:
Der psychopathische Berufskriminelle Nanni Vitale bricht mit ein paar anderen Häftlingen aus dem Gefängnis in Ancona aus. Als Geisel haben sie einen Gefängniswärter dabei, der übelst misshandelt wird, bevor sie ihn während der Verfolgungsjagd mit der Polizei aus dem Auto werfen.
Kommissar Santini, der Vitale und seine Komplizen verfolgte und leider nicht aufhalten konnte, macht es sich fortan zu seinem vorrangigen Ziel, Vitale wieder hinter Gitter zu bringen. Während Nanni Vitale und seine Kumpane eine scheußliche und brutale Tat nach der anderen begehen und eine Spur der Gewalt durch das Land ziehen, unternimmt die Polizei unter der Anleitung von Santini mehrere erfolglose Versuche, die Kriminellen zu stellen.
Zwischen Vitale und Santini entwickelt sich so eine persönliche Feindschaft, die darin gipfelt, dass Vitale die Familie des Polizeikommissars entführt. Kann Santini seinen Vater und seine Schwester rechtzeitig aus den Fängen des unberechenbaren Verbrechers befreien?


Nanni bedroht Giulianas Mann


Nanni piesackt Giuliana


Bei "Der Tollwütige" bekommt man genau das geboten, was der Titel verspricht. Helmut Berger ("Blutspur im Park") wütet wie von Sinnen über die Leinwand und zeigt in der Rolle des narzisstischen, kaltblütigen und unberechenbaren Nanni Vitale ein intensives und fesselndes Schauspiel.
Sein Irrsinn und seine jähzornigen Gewaltausbrüche machen sogar Obergangster Giulio Sacchi (man denke an den den legendären Tomas Milian in "Der Berserker") Konkurrenz.
Dabei wirkt Nanni Vitale auf abstoßende Weise faszinierend. Es irritiert, dass dieser Mörder und Vergewaltiger nicht das hässliche Antlitz eines pockennarbigen Klischeeverbrechers hat, sondern die markanten und unbestreitbar attraktiven Gesichtszüge von Helmut Berger.

"Der Tollwütige" zählt zwar zum Genre des Poliziottesco und wurde von einem italienischen Regisseur vor Ort gedreht, ist aber in den Hauptrollen mit Helmut Berger (geboren als Helmut Steinberger in Bad Ischl) und Marisa Mell (geboren in Graz als Marlies Theres Moitzi; ua. bekannt aus "Nackt über Leichen") sowie Richard Harrison als Kommissar Santini mit zwei Österreichern und einem Amerikaner besetzt.
Helmut Berger behauptete später öffentlich, er habe seiner Kollegin Mell, die sich zum damaligen Zeitpunkt karrieretechnisch auf dem absteigenden Ast befand, zu dieser Rolle verholfen.
Genaues weiß man aber nicht.

Auf die oft grimmige Ernsthaftigkeit manch anderer italienischer Polizeifilme wurde von Regisseur Sergio Grieco hier zugunsten von reichlich vorhandenen exploitativen und sleazigen Gewaltszenen verzichtet.
Im Grunde genommen ist der Film eine einzige Gewaltorgie, in der unser Helmut unter vollem Körpereinsatz mal so richtig die Sau rauslassen konnte, da Nanni Vitale sich an sadistischen Fiesheiten von einer Szene zur nächsten regelrecht selbst überbietet.

Richard Harrison macht als Kommissar Santini eine gute Figur. Der unter anderem aus Western und Sandalenfilmen bekannte Amerikaner geht getrost als Bruder oder Cousin von Maurizio Merli durch.
Er ist vielleicht sogar etwas athletischer und attraktiver.
Wenn Kommissar Santini seinen Dienst mit einem beinahe bis zum Bauchnabel aufgeknöpften Hemd und lässiger Sonnenbrille verrichtet, scheint das spezielle Flair der Siebziger regelrecht von der Leinwand zu strömen, um die Herzen der VerehrerInnen dieser speziellen Dekade zu erwärmen.

Einige Drehbuchschwächen und denkbar komische Dialoge gehören zu solch einem Film wie das Salz in der Suppe. Und natürlich werden wir auch in diesem Punkt nicht enttäuscht.
Begebenheiten wie die, dass Kommissar Santini die von Vitale bedrohte und vergewaltigte Giuliana (Marisa Mell) mit dem Ratschlag, alles zu tun, was Vitale von ihr verlangt, wieder zurückschickt zu dem wahnsinnigen Täter, bringen uns genauso zum Schmunzeln wie manch markanter Spruch von Vitale:

"Es gibt ein Sprichwort. Niemand wird zu einem so großen Trottel wie ein alter Trottel."


Die ohrwurmverdächtige Musik, die eigens für den Film komponiert wurde und an den Sound von Stelvio Cipriani erinnert, begleitet in verschiedenen Variationen den ganzen Film und verleiht den Bildern zusätzliche Dramatik.

Und bei so mancher Zeitlupenszene scheint sich Grieco von Maestro Enzo Castellari ("Ein Bürger setzt sich zur Wehr", "Racket") inspirieren lassen zu haben. Diese Sequenzen steigern die Spannung und spielen mit der Erwartungshaltung der Zuschauer.
Besonders in Erinnerung bleibt die Szene, in der Vitale mit seinem Komplizen (logisch: einer davon ist niemand Geringerer als Oberschurke Nello Pazzafini) in einem Auto sitzt, auf der Rückbank zwei Geiseln. Sie geraten in eine Polizeikontrolle. Das Bild wechselt von den in Zeitlupe auf das vollbesetzte Auto zulaufenden Verkehrspolizisten zu den Insassen im Wagen und dem Gesichtsausdruck Nanni Vitales.
An dieser Stelle bleibt genug Zeit, die Musik zu genießen und sich mehrfach zu fragen, was jetzt wohl passieren wird und wie Vitale mit der Situation umgeht. Das Ende dieser Episode ist zwar wenig überraschend, fast schon banal, aber dennoch so inszeniert, dass es auch nach Ende des Films im Gedächtnis bleibt.

Nanni Vitale ist nach Giulio Sacchi einer der kultigsten, weil fiesesten und skrupellosesten Übeltäter, die das Poliziottesco-Genre je hervorgebracht hat. Die Szenen, in denen Nanni seine wehrlosen Opfer malträtiert, erzeugen sogar bei eingefleischten Genre-Fans ein flaues Gefühl in der Magengrube.

Wer eine Schwäche hat für Exploitation, Sleaze und Terrorkino à la "Wild Dogs" könnte mit "Der Tollwütige" ebenfalls seine Freude haben. Unterhaltung und Spannung garantiert! 




Foto: DVD von NEW


Das links soll MM sein

Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)



Samstag, 13. Dezember 2014

UNA SULL'ALTRA (1969)














NACKT ÜBER LEICHEN
Frankreich, Italien, Spanien 1969
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Jean Sorel, Marisa Mell, Elsa Martinelli, Alberto de Mendoza, John Ireland, Riccardo Cucciola u.a.


Inhalt:
Dr. George Dumurrier ist ein gutaussehender junger Arzt und Leiter einer Klinik in San Francisco. Seine Frau Susan leidet unter schwerem Asthma. Seine Geliebte, die Fotografin Jane, leidet darunter, dass sie den adretten George nicht für sich alleine hat.
Als Susan plötzlich stirbt, ist George nicht nur ein freier Mann, sondern auch ein reicher. Er nennt nun eine hohe Versicherungssumme sein Eigen.
Bald darauf macht der Neo-Witwer Bekanntschaft mit der Stripperin Monica Weston, die der verstorbenen Susan verblüffend ähnlich sieht und das Schicksal nimmt seinen tragischen Lauf...


George (Sorel) und Jane (Martinelli) treffen auf Monica


Monica (Mell) hat Ärger mit der Polizei


"Nackt über Leichen" ist (ähnlich wie der im selben Jahr entstandene "Die Mühle der Jungfrauen" und andere italienische Thriller der späten 60er Jahre) einer jener frühen Gialli, die uns einen Blick hinter die Fassaden der Luxusvillen bzw. der Reichen und Schönen gewähren.
Und da geht es ja (zumindest dem Genre zufolge) meist nicht nur dekadent, sondern auch intrigant und niederträchtig zu.

Der aalglatte Klinikleiter George (Jean Sorel) ist nicht nur ein Blender bezüglich seiner fachlichen Qualitäten, sondern gibt abgesehen davon nur vor, um das Wohl seiner Frau Susan (Marisa Mell, "Gefahr: Diabolik") besorgt zu sein.
Während sie frustriert und asthmatisch durch die Wohnung keucht vergnügt er sich stöhnend mit seiner Langzeit-Geliebten Jane.
Dies tun die beiden übrigens in einer durch ein rotes Seidentuch hindurch äußerst ästhetisch gefilmten Szene.
Genau diese stylische Swinging Sixties Optik und Erotik ist es auch, die den Film zu einem besonders schönen Exemplar des italienischen Kinos jener Dekade macht. Vorausgesetzt, man mag diese Art von Genrekino und erwartet sich keinen Slasher.

Mit ihrem Auftritt in einem Erotik-Club, in dem sich die laszive Monica Weston (ebenfalls Mell) im Leoparden-Outfit mit dazu passendem Helm verführerisch auf einem Motorrad räkelt und dann gekonnt einen Striptease vollführt, hat Marisa Mell den Olymp der Giallo-Göttinnen betreten.
Es bereitet wirklich ein (schaden-) freudiges Vergnügen zu beobachten, wie George und Jane völlig geplättet von der frappierenden Ähnlichkeit zwischen der jüngst verstorbenen Susan und der geheimnisvollen Monica staunen, wie sich Letztere auf der Bühne präsentiert.
Monica kostet jede Minute ihrer professionellen Show sichtlich aus und als sie ihre "Schambereichaufkleber" (ich kenne kein anderes Wort dafür) mit den großen aufgedruckten Augen zum Publikum hin dreht, meint man förmlich zu hören, wie sie in die Richtung von George ein "Ich beobachte dich" haucht.

Ist diese Frau tatsächlich Monica oder ist es Susan, die Georges Plan durchkreuzt hat und nun Rache nimmt?
Aber hat George seine Frau wirklich ermorden lassen? Im Verlauf der Handlung kommen daran leichte Zweifel auf. Und andere Personen, die vielleicht auch ein Interesse am Tod Susans haben könnten, erscheinen auf der Bildfläche und verhalten sich suspekt.
Steckt hinter allen Vorkommnissen etwa eine große Verschwörung?


Marisa Mell in einer künstlerischen Bildkomposition


Die österreichische Schauspielerin Marisa Mell zählte nicht unbedingt zu den klassischen Schönheiten. Sie hatte ein eigenes und sehr markantes Gesicht. Ob man sie nun attraktiv findet oder nicht, in diesem Film hat sie eine unbestreitbar faszinierende Aura und sieht aus jeder Perspektive und in jedem Licht einfach toll aus.
Der französische Schauspieler Jean Sorel hat in einigen Produktionen des italienischen Genrekinos mitgewirkt, wobei seine Rollen im brillanten "Malastrana" und in Fulcis Geniestreich "Una lucertola con la pelle di donna" wohl seine bedeutendsten Erfolge waren.
Auch andere bekannte Namen respektive Gesichter tauchen in "Nackt über Leichen" auf.
Alberto de Mendoza ("Der Killer von Wien") mimt Georges Bruder Henry, Riccardo Cucciolla ("Top Job", "Wild Dogs") lässt wieder einmal den Psycho raushängen und der gebürtige Kanadier John Ireland ("Ein Colt für hundert Särge") verbeißt sich als Inspektor Wald in das Rätsel um Susans frühen Tod.

Das ist kein Hass, das ist Wahnsinn!“
Aber ein brillanter Wahnsinn.“
Lustiger Dialog in einer der Schlüsselszenen des Films

Mit einer Babuschka-mäßig verschachtelten, putzig-naiven Story, gewagten und innovativ umgesetzten Szenen und Kameraperspektiven gelang es Regisseur Lucio Fulci, einen obwohl nicht sehr temporeichen, trotzdem durchgängig bei Laune haltenden Krimi ins italienische Kino der späten Sechziger Jahre zu bringen.
Wie das damalige Publikum wohl auf die dargebotenen Frivolitäten reagiert hat?




Foto: Severin DVD (links unten), Edition Tonfilm mit Schuber





Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)



Samstag, 6. Dezember 2014

SPECIAL: VENEDIG DAMALS UND HEUTE


AUF DEN SPUREN ROBERTAS, CONTE TIEPOLOS UND DES DOTTORE STOLZ

Im November dieses Jahres habe ich zum vierten Mal "mein" spätherbstliches Venedig  besucht, bin durch die pittoresken Gassen und über Brücken spaziert, an den Kanälen entlang zu verschiedenen Palazzi, sehenswerten Plätzen und Villen gelaufen.
Und ich habe mit meinem Fotoapparat bewaffnet gezielt einige markante Orte aufgesucht, an denen in den Siebzigern "Anima Persa", "The Child - Die Stadt wird zum Alptraum" und "Der Todesengel" gefilmt wurden.
Wie schön, dass sich die Lagunenstadt seit damals kaum verändert hat.
Ich hoffe, ihr habt ein bisschen Spaß bei meinem Bildvergleich.


ANIMA PERSA (1977)



Hier steigt Dr. Stolz aus dem Boot


Ein glücklicher Zufall, ein Boot!


Das Zuhause der Stolzes


Die Villa der Stolzes 2014


Die "Kunst-Akademie" 1977


Das Gebäude im Jahr 2014


Innenraum-Aufnahme


Und das selbe Motiv 2014


Das Cafe Florian am Markusplatz damals...


... und heute



THE CHILD - DIE STADT WIRD ZUM ALPTRAUM (1972)



Roberta auf dem Dach


Ansicht von unten


Roberta mit ihrem Vater und seinen Freunden in einer Bar


Von der Bar aus fotografiert


Der Blick des Mörders Richtung Spielplatz


Mein Blick Richtung Spielplatz


Der Platz, an dem sich die Kinder zum Spielen trafen...


... ist heute begrünt, aber noch gut erkennbar


Das Böse nähert sich


Schuh und Winkel sind anders, aber die Treppe stimmt


Und nochmal der Kinder-Treffpunkt 1972


2014


Sicht auf die Friedhofsinsel


Das Wetter war eindeutig besser


In diesem Kino hat Robertas Vater ein "Date"



Die Tafel existiert immer noch


Robertas Vater sucht den Mörder


Derselbe Platz bei Tag


1972


2014



DER TODESENGEL (1971)



Das Hotel, in dem Stefano und Fabienne wohnten...


... gibt es immer noch


Stefano vor der Kirche Santa Maria della Salute


unverkennbar


Da drin sitzt das Opfer von Stefanos Auftrag


Tut er es wirklich?


Heute sitzt da wohl jemand anderer