Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Sonntag, 17. Dezember 2017

I QUATTRO DELL'APOCALISSE (1975)















VERDAMMT ZU LEBEN - VERDAMMT ZU STERBEN

Italien 1975
Regie: Lucio Fulci

DarstellerInnen: Fabio Testi, Lynne Frederick, Michael J. Pollard, Harry Baird, Tomas Milian, Adolfo Lastretti, Bruno Corazzari, Donal(d) O' Brien u.a.

Inhalt:
Der Spieler und Betrüger Stubby Preston, die schwangere Prostituierte Emanuelle "Bunny" O'Neill, der Alkoholiker Clem und der Schizophrene Bud lernen sich im Gefängnis von Salt Flat kennen und entkommen durch ihren Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen einer "Selbsthilfeaktion", bei der alle EinwohnerInnen der Stadt mit Hang zur Delinquenz von einem vermummten Mob gelyncht werden. Mit einer Kutsche zieht das Quartett von dannen und begibt sich auf die Suche nach einer neuen Heimat. Alles könnte sich noch zum Guten wenden, wäre da nicht die schicksalhafte Begegnung mit dem bösartigen Chaco, die das Leben dieser vier Menschen nachhaltig beeinflussen  wird...


Der Beginn einer Reise...


Chaco (Milian) stellt sich vor


Innerhalb des Italowestern Kanons gibt es zwei wesentliche Arten der Erzählung, die mir persönlich besonders interessant erscheinen. In der einen Kategorie von Genre Produktionen geht es um einen (namenlosen) Antihelden, dessen handlungsleitendes Motiv in der Vergangenheit liegt (ein Ereignis, das quasi schon passiert ist zu dem Zeitpunkt als der Film beginnt). Es geht unter anderem um die späte Rache eines traumatisierten Kindes (siehe "Leichen pflastern seinen Weg" oder "Von Mann zu Mann") oder den Vergeltungsdrang eines Mannes, dem auf irgendeine Weise großes Unrecht widerfahren ist (wie z.B. in "Satan der Rache" oder "Töte, Django").
Ebenfalls sehr reizvoll ist die Kategorie von Geschichten, die eine Art persönliche Transformation des Protagonisten, die durch äußere Umstände und Erfahrungen, die er im Umgang mit anderen Menschen macht, in Gang gesetzt wird und die man On Screen mitverfolgt. Hierzu zählt auch "Verdammt zu leben - verdammt zu sterben."
Dieser Film kratzt zwar im Vergleich zu detailliert dargestellten Charakter-Entwicklungen wie man sie bei Sergio Sollimas großartigem "Von Angesicht zu Angesicht" oder einem "Der Tod ritt Dienstags" beobachten kann, etwas stärker an der Oberfläche.
Dennoch gelingt es Fulci, Stubby (Fabio Testi) zu einem Sympathieträger zu machen, der vom Falschspieler zum verantwortungsbewussten Mann und schließlich zu einem einsamen und traurigen Rächer wird, der sich durch einen (ebenso sinnlosen) verzweifelten Akt der Gewalt von der leidvollen Vergangenheit zu lösen versucht. Ein Antiheld, wie er im Buche steht.

Fabio Testi, der seine Filmkarriere als Stuntman begann, wird ja landläufig gerne unterstellt, dass er mehr "Schönling" als ernstzunehmender Schauspieler ist. In "Verdammt zu leben - verdammt zu sterben" stellt er jedoch wie bereits an der Seite von Romy Schneider in Zulawskis Drama "Nachtblende" oder neben Franco Nero in "Die Rache der Camorra" zum wiederholten Male unter Beweis, dass er mehr zu bieten hat als ein adrettes Erscheinungsbild.

Die odysseehafte Reise von Stubby, Bunny, Clem und Bud führt durch vertrocknetes, ödes Land, Staub, Dreck, in ein verlassenes Dorf und die karge schneebedeckte Stadt Altarville.
Das gemeinsame Schicksal schweißt die ungleichen Charaktere, die sich ohne die dramatischen Ereignisse in jener Nacht wohl nie kennen gelernt hätten, zusammen.
Das zufällige Zusammentreffen mit einer Gruppe von Pilgern scheint eine weitere Annäherung zwischen der inhomogenen Gruppe und im Besonderen zwischen Bunny und Stubby in Gang zu setzen, die durch das Auftauchen von Chaco (Tomas Milian) hart auf die Probe gestellt wird.
Chaco ist ein manipulativer, sadistischer und skrupelloser Outlaw. Begegnungen mit ihm entwickeln sich zum schlimmsten Alptraum. Gesetzt den Fall, dass man sie überhaupt überlebt.
Da Fulci für "Verdammt zu leben - verdammt zu sterben" durch die Bank hervorragende SchauspielerInnen besetzte, stehen weniger die plakativen Gewaltszenen an sich im Vordergrund, sondern mehr die Reaktionen der Protagonisten auf die mit unvorstellbarer Grausamkeit verübten Taten Chacos.

Was ich an diesem Italowestern besonders schätze, ist die bewegende Geschichte über die Sonnen- und Schattenseiten der Gesellschaft. Das Auf und Ab der Emotionen. Einerseits fesselt mich diese düstere und desperate Stimmung, das Verstörende und Unheimliche, die Hoffnungslosigkeit und Ziellosigkeit. Der Tod ist ein ständiger Begleiter der Vier.
Andererseits gibt es trotz Dunkelheit Lichtblicke. Ein optimistischer Blick in die Zukunft, die herzerweichenden Gesten von Güte und Menschlichkeit an Orten, wo sie niemand erwarten würde. Zeichen von Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Solidarität.

Der etwas unkonventionelle Psychedelic Rock Soundtrack verfügt zwar nicht über die Grandiosität und den Wiedererkennungswert eines Morricone, Bacalov oder Ortolani Western Themas, aber passt zur Entstehungszeit und lockert die Dramatik und den nicht zu verleugnenden Hang zum Pathos der Geschichte angenehm auf.
"Verdammt zu leben..." gehört trotz manch kleiner Schwächen zu meinen favorisierten Italowestern, ist definitiv einer meiner  Lieblings-Fulcis und wird deshalb in regelmäßigen Abständen im "Schattenlichter-Heimkino" aufgeführt.




Foto: X Rated Hartbox und Mediabook 




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema):



Sonntag, 19. November 2017

I TRE VOLTI DELLA PAURA (1963)















DIE DREI GESICHTER DER FURCHT
DER RING DER VERDAMMTEN (österreichischer Kinotitel)
Frankreich, Italien 1963

Regie: Mario Bava
DarstellerInnen: Boris Karloff, Mark Damon, Michèle Mercier, Glauco Onorato, Gustavo de Nardo, Rika Dialyna, Lidia Alfonsi, Jacqueline Pierreux u.a.

Inhalt:
Horror-Ikone Boris Karloff berichtet von gruseligen Begebenheiten und stimmt uns mit finsteren Prophezeiungen und Warnungen auf die folgenden drei Episoden ein, in denen es um geisteskranke ehemalige Liebhaber mit Mordabsichten, vampirähnliche Wesen im winterlichen Russland und Heimsuchungen durch Verstorbene geht...


Boris Karloff stimmt uns auf das Folgende ein...


Wenn sich der Herbst dem Winter entgegen neigt, die Tage dunkler, kälter und regnerischer werden, wenn die Bäume ihre farbenprächtigen Blätter abgeworfen haben und ihre kahlen Äste wie skelettierte Finger dem grauen Himmel entgegen recken, dann ist Zeit für "Die drei Gesichter der Furcht".

Über zehn Jahre ist es her, dass ich dieses zeitlose cineastische Kunstwerk, das damals zum Glück von Anolis veröffentlicht wurde, gesehen habe. Eigenartigerweise kann ich mich noch wie heute an diesen Winterabend erinnern, an dem ich ob der Bildsprache Bavas in einen tranceähnlichen Zustand zwischen Euphorie und ehrfüchtigem Staunen versetzt wurde.
Im Nachhinein betrachtet war dieses Erlebnis so etwas wie ein Intitationsritus und entflammte endgültig meine Liebe zum italienischen Genrekino der Sechziger und Siebziger Jahre.

Ein aschfahler Boris Karloff stimmt uns mit durchdringendem Blick und eindrücklichen Warnungen umrahmt von einem expressiven Farbspiel in bester Lagerfeuergeschichten-Manier auf die folgenden drei Beiträge ein, deren Intensität und Schauerlichkeit sich von Episode zu Episode kontinuierlich steigern.



Michèle Mercier am roten Telefon



Episode 1 – DAS TELEFON
Eine Frau erfährt aus der Zeitung, dass ihr geisteskranker und gemeingefährlicher ehemaliger Liebhaber aus dem Zuchthaus ausgebrochen ist. Kurz darauf beginnt er sie über das Telefon zu terrorisieren und behauptet, sie zu beobachten und sogar schneller bei ihr sein zu können als die Polizei...


Schon die ersten Sekunden dieses Kurz-Giallos sind sagenhaft kunstvoll inszeniert. Wir sehen eine leere Wohnung, die nur spärlich beleuchtet ist. Die Kamera fährt langsam durch den Raum. Das schrille Läuten eines roten Telefons (das später in "Blutige Seide" wieder auftaucht) dringt unangenehm ins Ohr und geht in einen etwas erträglicheren Nachhall über, auf den dann wieder erbarmungslos der nächste alles durchdringende Ton folgt.
Als Kind, das noch in einem Haushalt mit Wählscheibentelefon aufgewachsen ist, denke ich mir so im Nachhinein betrachtet "Eigentlich kein Wunder, dass alle immer gleich gerannt sind, wenn das Telefon gebimmelt hat."
Das enervierende Klingeln wird abgelöst vom monotonen Ticken einer Uhr, das eine nur kurze Entspannung suggeriert, bevor ganz plötzlich lautstark die Tür geöffnet wird.
Durch diese paar Sekunden wird bereits die angespannte Atmosphäre der gesamten Episode vorweggenommen, in der die schöne Michèle Mercier ("Friedhof ohne Kreuze") durch Telefonterror und Drohungen beinahe in den Wahnsinn getrieben wird.
Die erste der drei Erzählungen, die häufig als die schwächste der drei eingestuft wird, bietet natürlich nicht die inszenatorische Qualität eines im selben Jahr entstandenen "La ragazza che sapeva troppo" oder anderer Gialli Mario Bavas. Im Grunde genommen ist es auch vermessen, überhaupt einen Vergleich anzustreben, da "Das Telefon" ein auf 23 Minuten komprimiertes psychologisches Kammerspiel in bester Thriller Tradition mit wundervollen Beleuchtungseffekten ist.
Eine verheissungs- und effektvolle Einstimmung auf



Das unheimliche Familienoberhaupt (Karloff)



Episode 2 – DER WURDELAK
Ein nobler junger Mann reitet durch das winterliche Russland. Inmitten der Ödnis entdeckt er eine kopflose Leiche und kommt kurze Zeit später bei einer verängstigten Familie unter, die ihm etwas von Wurdelaks erzählt, die der Legende nach ihren Liebsten das Blut aussaugen. Bei dieser Gelegenheit macht er Bekanntschaft mit dem alten Vater der Familie, der sich äußerst merkwürdig verhält...


Das dumpfe unheilvolle Trompetenspiel, mit der die zweite Episode beginnt, lässt schon erahnen, auf welch düstere Handlung man sich nun einlassen wird.
Die letzten Sonnenstrahlen am Firmament werden von der Last der dichten blaugrauen Wolken, die am Abendhimmel erscheinen, eingekesselt und erdrückt. Vladimir (Mark Damon) macht in der Dämmerung einen grauenvollen Fund. Es handelt sich um eine Leiche mit abgetrenntem Kopf, in deren Rücken ein Dolch steckt. Dies ist nur der erste Vorbote allen Grauens, das da noch kommen wird. Die folgenden Szenen sind in eisigen bläulichen Nebel gehüllt, es gibt kein Sonnenlicht mehr zu sehen und auch keinen Hoffnungsschimmer für die Familie, bei der Vladimir Unterschlupf findet.

"Der Wurdelak" ist von einer solch formvollendeten Morbidität durchzogen, dass alle mir geläufigen Superlative für die Beschreibung dieser ästhetischen Bildsprache als nicht ausreichend erscheinen. Die kahlen Bäume, dekorativ beleuchtete Spinnweben, der bläulich waberende Nebel, die farbenprächtig illuminierten Ruinen, die Gestalt des Großvaters (Boris Karloff) an der Fensterscheibe (Vorbote der Szene mit Melissa in "Die toten Augen des Dr. Dracula") - es gibt so viele Szenenbilder, die ich am liebsten einfrieren und mir direkt an die Wand hängen möchte!

Boris Karloff als furchterregender Familientyrann Gorgo, der nach der Wurdelak Jagd unverhofft wieder bei seinen Liebsten auftaucht, guckt absolut finster aus der Kapuze und trägt ganz wesentlich zu der grimmigen Stimmung dieser Episode bei.
Glauco Onorato, der neben einigen Auf(t)ritten in Italowestern auch in "Racket" eine starke Rolle spielte, mimt seine Rolle ebenso intensiv wie die schöne Griechin Rika Dialyna als Maria. Susy Andersen (als Sdenka) sieht trotz ihres auffallend wuchtigen Kiefers irgendwie sehr attraktiv und geheimnisvoll aus.
Und ehe man sich aus den Fängen dieses dramatischen und finsteren Blutsauger Nachtmahrs befreit hat, findet man sich in der stürmischen regnerischen Nacht der nächsten Episode wieder...



Helen (Pierreux) hat nur Augen für den Ring



Episode 3 – DER WASSERTROPFEN
Eine Krankenschwester wird mitten in der Nacht in einen Haushalt gerufen, wo eine ältere Dame während einer Séance verstorben ist. Sie soll der Dahingeschiedenen das Totenkleid anziehen, klaut den Ring der Dame und wird alsbald nicht nur von mysteriösen Wassertropfen-Klängen heimgesucht...


Als Geräuschkulisse zur Einstimmung auf die verstörende Beschaffenheit der letzten Geschichte dient die verzerrt und dissonant wirkende Musik, die aus dem Grammophon der Krankenschwester Helen (perfekt unsympathisch gespielt von Jacqueline Pierreux) erklingt. Wie in der ersten Episode ist es wieder das Telefon, das Unheil und Verderben ankündigt. Helen erhält einen Anruf von einer verzweifelten älteren Haushälterin, die zu verängstigt ist, ihrer bei einer spiritistischen Sitzung verstorbenen Herrin das Totenhemd selbst anzuziehen.

Die gute Helen, die auf Pietät und Respekt vor den Toten keinen allzu großen Wert legt, übernimmt den nächtlichen Auftrag zunächst widerwillig und gibt die Routinierte. Doch beim Anblick der toten Frau muss sogar sie kurz durchatmen und sich am Bettpfosten festhalten...
Die Dame des Hauses hat ein schrecklich verzerrtes Gesicht, das wie im Moment großen Schocks eingefroren zu sein scheint. Die Augen der Leiche sind weit aufgerissen, der Mund offen, die Haut bereits wächsern. Die Totenstarre hat schon eingesetzt.
Dieser sehr unheimliche Anblick wird vom verstörend anmutenden Interieur der Wohnung ergänzt.
Es ist sehr dunkel, die Raumhöhe und Türen lassen die Haushälterin und die herbeigerufene Krankenschwester wie kleine verlorene Kinder wirken. Über den heruntergekommenen Teppichboden laufen scheinbar rastlos irgendwelche Katzen, auf den antiken Möbeln und in den Schubladen befinden sich Unmengen an Puppen (womit wieder Erinnerungen an "Die toten Augen des Dr. Dracula" geweckt werden).

Für die ruppige Krankenschwester, die der Toten den Ring vom Finger stiehlt, ist es der Beginn einer dämonischen Heimsuchung, von der der titelgebende mysteriöse Wassertropfen, der sie bis in ihre eigenen Vier Wände begleitet, noch der harmloseste Part ist.
Mit nur wenigen Minuten Laufzeit und mit spärlich aber pointiert platzierten Effekten erschuf Mario Bava eine hochgradig atmosphärische und gehaltvolle rabenschwarze Schauergeschichte, die in der Erinnerung kleben bleibt wie die Spinnweben am Kellerfenster...




Darüber, ob Bava, hätte er die Möglichkeit gehabt, einen Director's Cut seines favorisierten Werks zu erstellen, das humoristische und demaskierende Ende mit Karloff weggelassen hätte, kann nur spekuliert werden. Es bleibt fraglich, ob dieses Finale, das den Änderungswünschen der co-produzierenden AIP entsprach, in die endgültige Fassung Eingang gefunden hätte oder nicht.
Ist man mit den Filmen Bavas vertraut, freut man sich über einige Déjà-vus, da der italienische Genre Regisseur einige Motive aus "Drei Gesichter der Furcht" in seinen späteren Werken nochmals aufgegriffen hat.
Doch kann man sich ebenso für den Film begeistern wie wenn man (so wie ich damals, vor über einem Jahrzehnt) ganz unbedarft an dieses Werk herantritt und sich einspinnen lässt in das mentale Netz der stimmungsvollen Schauerromantik und der Magie der düsteren Fotografie.




Foto: DVD aus der Mario Bava Box von Anchor Bay, Anolis DVD und Arrow Blu Ray





Foto: Wunderschöne BluRay VÖ von Koch Media






Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema):


Samstag, 11. November 2017

SPECIAL: FESTIVALBERICHT "NORIMBERGA VIOLENTA"

NORIMBERGA VIOLENTA 

Festival des italienischen Polizeifilms
03.-05. November 2017 im KommKino Nürnberg


Das vergangene Wochenende im KommKino stand ganz im Zeichen des italienischen Kriminalfilms – Kleinkriminelle, professionelle Gangster und Mafiosi lieferten sich wilde Verfolgungsjagden auf Motorrädern, in Lieferwagen und Lamborghinis mit ehrgeizigen Gesetzeshütern in Alfa Romeo Giulias. Auftragsmörder, Prostituierte, Zuhälter und angesehene Mitglieder der Gesellschaft mit den sprichwörtlichen Leichen im Keller – sie alle sorgten dafür, dass das von Italocinema veranstaltete "Norimberga Violenta" Festival seinem Namen gerecht wurde.



Tolles Design by Sascha


Wie immer verzichte ich an dieser Stelle auf ausführliche Reviews (sind ja andernorts nachzulesen), sondern versuche, meine ganz persönlichen Eindrücke und die Stimmung des Festivals ein bisschen zu transportieren).

Anfahrt und erste Schritte durch Nürnberg


Wegen Baustellen und einem allgemein erhöhten Verkehrsaufkommen wählten wir die von unserem Navi vorgeschlagene Alternativroute, die uns viel Ärger (und vor allem Zeit) ersparte und uns auf neues Terrain führte. Über ein paar Landstraßen und Dörfer gelangten wir nach Stein und entdecken das beeindruckende Faber Castell Schloss am Stadtrand Nürnbergs. Dass irgendwo auf unserer Strecke das "Zirndorf" Schild durchgestrichen war, schien ein Omen zu sein. Eigentlich war es schon Pflichtprogramm für uns, in Nürnberg zumindest ein (meistens doch zwei oder mehr) Zirndorfer zu trinken. Doch an diesem Wochenende war es sogar von der Getränkekarte eines unserer Stammlokale verschwunden.



Same procedure...


Nach dem Einchecken im ibis Hotel und einem kurzen Abstecher in unser Zimmer verschlug es uns in die BluRay Abteilung von "Müller". Leider war uns die Göttin des Konsums nicht wohlgesonnen, weshalb wir ohne Einkäufe wieder von dannen zogen um uns mit Flammkuchen und Crêpe im üblichen Lokal zu stärken.

Legendenbildung und ein Kurztrip nach Istanbul


Kurz vor dem Festivalstart verbreitete sich in dem "Norimberga Violenta Thread" auf dem Dirty Pictures Forum das Gerücht von einer sagenumwobenen vergammelten Filmhaus bzw. KommKino-Tür, die von einigen Usern als Treffpunkt auserkoren wurde.



So gammlig sieht sie in Wahrheit doch gar nicht aus


Mit alten und neuen Bekannten ging es dann erstmal in den nahe gelegenen türkischen Imbiss "Istanbul", wo wir unter Beweis stellten, dass das wichtigste Grundnahrungsmittel in Österreich Bier ist und eine Hopfen- und Malz-Mahlzeit zu uns nahmen. In Begleitung von alles durchdringenden und lang anhaftenden Essensgerüchen kam die kleine Dirty Pictures Gruppe dann schließlich im KommKino an, wo wir uns ein Programmheft schnappten, die schönen Dauerkarten entgegen nahmen und die Plakat Gallerie bestaunten. Dann ging es auch schon los mit…






















DER MAFIABOSS - SIE TÖTEN WIE SCHAKALE (IT,DE 1972; Fernando Di Leo)

Ein mitreißender unbestrittener Genreklassiker, über den ich an dieser Stelle nicht viele Worte verlieren möchte (weil ich es hier bereits getan habe).
Luca Canali, der Mann mit dem harten Betonschädel und dem weichen Herzen, rockte die Leinwand und sorgte für ein unvergessliches Kino-Erlebnis. Adolfo Celis beachtlicher Riechkolben auf großer Leinwand ist ebenfalls sehenswert. Ein kleiner cineastischer Traum wurde wahr.






















TESTAMENT IN BLEI (IT, USA 1974; Carlo Lizzani)

Regisseur Carlo Lizzani zeigt uns die Entwicklungsgeschichte der italienischen Mafia in Amerika anhand des fiktiven Charakters Crazy Joe, der sich vom Helfershelfer zu einem einflussreichen Boss zu mausern versucht. Glücklicherweise ist dieses Lizzani Werk etwas weniger bierernst und schwer als "Die Banditen von Mailand" oder "San Babila ore 20: un delitto inutile" und hielt das Publikum trotz fortgeschrittener Stunde wach und gut bei Laune.


Nach diesem gelungenen Festival-Warmup verschlug es uns mangels gut erreichbarer Alternativen in die Hotellobby, wo wir mit Prosecco und Bier bis zum ersten (oder zweiten?) Hahnenschrei eine kleine Wiedersehensfeier mit unseren Freunden veranstalteten.
Nach einer dreistündigen (!) Schlafenszeit starteten wir schließlich motiviert in den neuen Tag. Ein kleiner Stadtrundgang in deutlich abgekühlter Luft machte uns munter und natürlich auch hungrig. 



Das Ehekarusell lockt Kinder und Monster an - Oder wie heißt es so schön im Abspann von "Haus an der Friedhofmauer"
- "Niemand wird je wissen, ob Kinder Monster sind oder Monster Kinder"


Da wir einen kleinen Umweg gelaufen sind, kamen wir an dem sehenswerten Brunnen namens "Ehekarussell" vorbei, der von eigenartigen Monstern, nackten Paaren und Skeletten gesäumt wird. Zum Frühstück gab es fette Gourmet Burger und ganz viel Getratsche und Gelächter bevor wir uns hochmotiviert auf den Weg zum KommKino begaben.
Weiter ging es dann mit






















GANGSTER STERBEN ZWEIMAL (IT 1968; Mino Guerrini)

Diese Rarität war mein Geheimtipp und im Vorfeld scheinbar einer der unterschätztesten Beiträge des Festivalprogramms. Wie erwartet, konnten Destil und seine Bande offenbar viele BesucherInnen von seinem Unterhaltungswert überzeugen. Ein gelungenes Heist Movie, bei den in den letzten Minuten Unmengen an Munition verballert wird und das mit einigen bekannten Italokino Gesichtern wie Joseph Cotten, Giampiero Albertini, Franco Ressel und Bruno Corazzari aufwarten kann.






















DIE KLETTE (IT 1969; Romolo Guerrini)

Mit diesem Film hatte ich ziemlich Mühe wegen der absolut vertrackten verworrenen Geschichte. Aber der gute Franco Nero hat es mithilfe von Florinda Bolkan doch geschafft, mich bis zur letzten Minute irgendwie bei Laune zu halten. Bis zum Ende habe ich Bauklötze gestaunt und mich gefragt, ob sich die drei Stunden Schlaf gerade so stark bemerkbar machen oder ob diese unzähligen Wendungen für andere vielleicht sogar nachvollziehbar sind. Des Rätsels Lösung erhielt ich dann hinterher im Gespräch mit einem Film Noir bewanderten Kollegen – es geht überhaupt nicht um die Geschichte. Ja dann...


Im Anschluss begab sich eine relativ große Gruppe von FestivalbesucherInnen in ein fränkisches Lokal namens "Böhms Herrenkeller". Die Hypothese, es könnte sich bei diesem Namen um ein Table Dance Lokal handeln, wurde nicht bestätigt. Und die zum Fleischgericht servierte Lebkuchensauce meines Sitznachbarn, die ich probieren durfte, schmeckt und passt doch besser als angenommen zu dieser Mahlzeit. Die deftigen Speisen, die uns dort kredenzt wurden, lieferten jedenfalls genug Energie für die nächsten beiden Filme, nämlich






















TOTE ZEUGEN SINGEN NICHT (IT, ES 1973; Enzo G. Castellari)

Ein unterhaltsamer und rasanter Streifen. Franco Nero bolzt wie ein Berserker durch Genuas Unterwelt. Dabei macht er sich mit seiner kompromisslosen Art genügend Feinde, um nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Liebsten zu gefährden. Der Soundtrack ist ein wunderschöner Ohrwurm, der sich nicht nur bei mir dicht hinter dem Trommelfell verschanzte und sich die nächsten Stunden nicht vertreiben lassen wollte.






















FEUERSTOSS (IT, CA 1976; Alberto De Martino)

Ich war im Kino und ich weiß, ich habe diesen Film gesehen. Es gibt sogar Zeugen, die bestätigen können, dass ich noch dort war. Ich war bis auf kurze Unterbrechungen auch wach, aber ich erinnere mich nur noch an Handlungsfragmente und einzelne Bilder wie zum Beispiel die Schlägerei mit den Transvestiten, die Wiederbelebungsversuche in der Uni und dass John Saxon ein paar Mal durchs Bild lief, aber in seiner Rolle irgendwie blass blieb. Ich erinnere mich auch noch, wie das Licht anging, ich Zombie-like aufgestanden bin und gefragt wurde, ob ich geschlafen hab...


Den nächsten Tag begrüßten wir mit Käsekuchen Royal und Co., kauften noch ein paar Nürnberger Lebkuchen und mussten uns beeilen, da es schon um 13 Uhr losging mit






















EIN MANN GEHT AUFS GANZE (IT, BE 1972; Alberto De Martino)

Bei diesem Filmtitel und mit Telly "Kojak" Savalas auf dem Plakat hätte ich so etwas im Stil von "Brutale Stadt" erwartet. Was soll man dazu sagen? Hat sich doch zu den Polizeifilmen ein waschechter Giallo ins Programm gemogelt. Telly mimt einen gefährlichen Auftragskiller, der einer unter Amnesie leidenden Schauspielerin auflauert. Sein Auftreten erinnert zunächst etwas an seine Rolle in "Lisa und der Teufel" - doch ganz so diabolisch ist unser Ranko am Ende dann doch nicht.
Ein wunderbarer Film, dem ich mich sicher irgendwann ausführlicher widmen werde mit einem schönen Soundtrack, stimmigen Kulissen (Brügge! Da muss ich hin) und einer mysteriösen Handlung, die zwischen Wahn und (Selbst-) Täuschung pendelt.
Wem "Spuren auf dem Mond" gefällt, der kann sich vermutlich auch für "Ein Mann geht aufs Ganze" erwärmen.






















HÖLLENHUNDE BELLEN ZUM GEBET (IT 1976; Antonio Margheriti)

Ein Mafiakiller (Yul Brynner) nimmt späte Rache an den Mördern seines Bruders, wobei er Unterstützung von seinem Fanboy Angelo und Streicheleinheiten von der Tänzerin Anny (Barbara Bouchet) erhält. Diesen Film hätte ich mir zuhause wahrscheinlich nicht noch einmal angesehen, aber mit dem richtigen Publikum und dem ratternden Projektor im Hintergrund stellte sich doch eine gewisse Wohlfühl-Stimmung ein.






















EISKALTE TYPEN AUF HEISSEN ÖFEN (IT 1976; Ruggero Deodato)

mussten wir leider auslassen. Ein Kollege (ich nenne keine Namen) wagte bereits am ersten Tag die unbedarfte (nett gemeinte) Äußerung, "den kann man sich eh zuhause auf BluRay anschauen" zu treffen. Dies wurde aber mit einem entsetzten "Was ist denn das für eine Einstellung???!!" meinerseits quittiert, was wiederum zu viel Gelächter und wiederholten Zitaten dieses Satzes führte. Aus sicherer Quelle habe ich erfahren, dass die Vorstellung dieses asozialen Bullenfilms mit Lovelock und Porel das Publikum nochmal so richtig in Partylaune versetzte und ein würdiger Abschluss des schönen Programms bildete.
Leider ist unser allseits beliebter schnuckeliger Ray Lovelock mit der samtigen Stimme in den letzten Tagen von uns gegangen.
Die Nachricht von seinem frühen Tod hat mich sehr betroffen gemacht. Er war und ist einer meiner Lieblingsdarsteller und ich hätte ihm ein viiiiel längeres Leben gewünscht.
Ray, we love you underground!


Fazit


Die Stimmung unter den Festivalgästen und ein paar hartgesottenen Besucherinnen war so familiär, interessiert und wohlwollend, wie ich es bis dato noch nie erlebt habe auf einem Filmfestival.
Man kam schnell untereinander ins Gespräch. In den Pausen wurde gescherzt und gelacht.
Die Nerds unter uns (wozu ich auch mich zähle) schafften es immer wieder an passenden Stellen, Zitate oder Filmtitel in ein Gespräch einzubauen.
Alles wirkte locker und enspannt. Ein Festival, bei dem der Spaß und die Freude an den 35mm Projektionen mit deutscher Synchro im Vordergrund standen. Auf einen (versteckten) Bildungsauftrag wurde bei der Programmgestaltung verzichtet. Genrefilme für Genrefans war die Devise!
Festivalveranstalter Andreas schaffte es vor jedem Film mit wenigen Worten das Wichtigste zu sagen und das Publikum für sich zu gewinnen.
Apropos Gewinne – die Labels Cinestrange, Colosseo, FilmArt, KochMedia und X-Rated spendeten zum Festivalmotto passende Veröffentlichungen, die vor manchen Vorstellungen verlost wurden.
Dank unserem lieben Konni, der die ganze Nacht vor dem Festivalstart Trailer aus dem Italocinema Archiv zusammengeklebt hat, bekamen wir die ein oder andere Trailer Obskurität bzw. Rarität zu Gesicht.






Das "Norimberga Violenta" Festival war erstaunlich gut besucht. Neben dem wunderbaren Programm besticht das KommKino durch die absolut gemütliche (bequeme Sessel, Beinfreiheit) und ungezwungene Atmosphäre. Das Foyer zwischen KommKino und Filmhaus lädt zum Verweilen und zum Pausentratsch ein. Wer lieber frische Luft und/oder frischen Rauch inhalieren möchte, kann sich mit wenigen Schritten auf die Dachterrasse begeben und den Ausblick genießen...


Herzlichen Dank an Andi, Konni, Sascha, die Filmvorführer, die Labels, das KommKino generell und alle, die zu der gemütlichen Atmosphäre beigetragen haben!




Sonntag, 22. Oktober 2017

SPECIAL: DELIRIA ITALIANO FORUMTREFFEN IN MÜNCHEN















Forumtreffen von "Deliria Italiano"
13.-14. Oktober im Werkstattkino München

Die bayrische Landeshauptstadt präsentierte sich am vergangenen Wochenende von ihrer besten Seite. Das Wetter war mit knapp 20 Grad und Sonnenschein einladend und ideal für Stadtbesichtigungen oder Verweilen in den herbstlichen Parks.






Gezeigt wurden 4 Filme aus dem umfangreichen Werkstattkino Archiv sowie einige Trailer, die mich in großes Verzücken versetzt haben (u.a. zu "Über dem Jenseits", "Foltermühle der gefangenen Frauen", "Rückkehr der Zombies", "Keoma", "Der Antichrist", "Im Blutrausch des Satans").
Vor jedem Film gab es fachkundige und kurzweilige Einleitungsreden diverser Forenmitglieder, die interessante inhaltliche und stilistische Aspekte der gezeigten Werke beleuchteten und die Vorfreude auf den Film steigerten.
Die Preise, die es bei den beiden Verlosungen zu gewinnen gab, konnten sich wirklich sehen lassen:  Großzügige Spenden von Labels wie Colosseo, Koch Media, Cinestrange, FilmArt, Cineploit, CMV, Donaufilm und sogar ein Jahresabo für das 35mm Magazin.








Erster Film am Freitag:

DAS SCHLOSS DER BLAUEN VÖGEL
Der Schauplatz dieses Giallos von Meisterregisseur Fernando Di Leo ist ein Sanatorium für psychisch erkrankte Frauen in einem fiktiven Ort namens Hohenschwandt. Hier geschehen neben den für das Genre obligatorischen Morden absonderliche Dinge. Die Kriminalgeschichte rückt zugunsten von Ärzten und Pflegepersonal, die sich zuweilen sogar merkwürdiger verhalten als die Patientinnen und anderer Exploitation Szenen etwas in den Hintergrund.
Beispiel gefällig? Dr. Bernd Keller (Klaus Kinski mit wirrer Frisur und Psycho-Haarsträhnen-Marotte) pflegt ein unprofessionelles Naheverhältnis zu seiner schönen Patientin Luise (Magaret Lee), der Klinikleiter Prof. Dorian schickt seine Tochter zu einer depressiven Patientin, damit sie diese durch erotische Annäherungen und Liebesspiele heilen (!) kann. Nymphomanin Anne (Genre Göttin Rosalba Neri) sorgt mit ihrem Auftreten und ihrer sexuellen Zügellosigkeit für (erotische) Spannung.
Einige aberwitzige Verhaltensweisen der ProtagonistInnen und die hanebüchne Enttarnung des Mörders und seines Motivs entschädigen am Ende für einige etwas zu lang geratene Nonsense Szenen. 


Zweiter Film am Freitag:

DER ÜBERRASCHUNGSFILM, DESSEN NAME NICHT VERRATEN WIRD
Diesen Film habe ich unlängst wieder mal in sehr guter Qualität (von XT Video veröffentlicht) gesehen, weshalb mir neben dem (verzeihbaren) leichten Rotstich einige Schnitte bzw. gekürzte Szenen aufgefallen sind.
Dennoch hat der Soundtrack ganz ordentlich die Bude gerockt und es war ein Erlebnis, dieses Werk des absolut abseitigen Geschmacks einmal im Kino zu sehen!
Erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Essen, das im Film eine wichtige Rolle spielt, hatte das Abendessen meines Sitznachbarn am Samstag. Leider ist er auf meinen Vorschlag, das Gulasch "stilecht" mit dem Löffel zu essen, nicht eingegangen.




Im Anschluss an dieses herrliche Programm wurde dann die Tradition der Deliria Kofferraum-Bier-Party gepflegt, bei der viel getratscht und gelacht wurde.


Erster Film am Samstag:

NEUN LEICHEN HAT DIE WOCHE
Bei dieser Rarität handelt es sich um eine Art Giallo Komödie mit zahlreichen grotesken Dialogen und aberwitzigen Figuren, die für einige Lacher (aber auch Schnarcher) im Publikum sorgte. Während die komödiantischen Elemente Geschmackssache sind und bei mir nicht so ganz zünden wollten, besticht dieses Werk Pupi Avatis durch ästhetische Beleuchtung und das konträr zur übertrieben lustigen Stimmung düstere Thema (ein Fluch, eine streitlustige Familie in einem Schloss und die mysteriöse Dezimierung der Anwesenden) sowie die stimmungsvollen Sets bzw. Drehorte.
Ganz den ungeschriebenen Genre Gesetzen folgend geht es um Neid, Habgier und  niedere Instinkte, die Menschen zu grausamen Taten treiben können. Der Titel des Films ist Programm, der Verursacher (oder die Verursacherin?) des raschen Dahinscheidens beinahe aller Anwesenden wird erst in den allerletzten Minuten demaskiert und wer sich dann noch über irgendetwas wundert, ist selbst schuld.
Mein persönlicher Sympathieträger dieses Films ist und bleibt das Pferd namens Flammpudding.


Zweiter Film am Samstag:

ERMITTLUNGEN GEGEN EINEN ÜBER JEDEN VERDACHT ERHABENEN BÜRGER
Dieser hochpolitische und gesellschaftskritische Film war für mich an diesem Wochenende (neben dem Überraschungsfilm) das Highlight.
Meine Befürchtungen, keinen Zugang zur Handlung zu finden, verpufften spätestens nach der ersten halbe Stunde der immerhin 115 Minuten Laufzeit. Ein erfolgreicher Bulle ermordet seine Geliebte. Seine Kollegen und Vorgesetzten weigern sich, gegen ihn zu ermitteln obwohl er absichtlich Spuren hinterlässt.
Florinda Bolkan brilliert als schöne, geheimnisvolle und verruchte Liebhaberin des egozentrischen Chef des Morddezernats (grandios: Gian Maria Volonté). Neben den verzweifelten Bemühungen des hochrangigen Beamten, seine Schuld zu beweisen, besteht der andere wesentliche Erzählstrang aus Rückblenden, die zeigen, wie sich Mörder und Opfer in (sexuellen) Rollenspielen verlieren und gegenseitige Provokation und Demütigungen dermaßen eskalieren, dass es nur zu einem schrecklichen Ende führen kann.
Mit hervorragender deutscher Synchronisation und in erstaunlich guter Bildqualität hat mich dieser Film fast vom Sessel gefegt. "Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger" habe ich nicht zum letzten Mal gesehen und es wäre nicht gerecht, dieses Meisterwerk lediglich in ein paar Zeilen abzuhandeln. Deshalb nehme ich mir vor, mich diesem Thema an anderer Stelle dann mal ausführlicher zu widmen...




FAZIT

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem wir beim Deliria Treffen in Wien erstmalig mit von der Partie (respektive Party) waren.
Das Schöne ist – trotzdem, dass die Delirianer eine ziemlich eingeschworene Gemeinschaft sind, wird auch "Neuen" nicht vermittelt, dass sie unerwünscht sind. Die Delirianer machen es jedem (der das möchte) leicht, sich in diesem geselligen Kreis wohl zu fühlen. Alles in allem präsentierten sich die Forumskollegen und -kolleginnen als ein manchmal etwas chaotischer (v.a. bei nächtlichen "Stadtwanderungen"), aber spaßiger und absolut sympathischer Haufen von (Italo-)Filmfans.


Großes Lob und DANKE an alle Organisatoren, Labels, Teilnehmenden und das Werkstattkino München!



Montag, 16. Oktober 2017

BUIO OMEGA (1979)















SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF

Italien 1979
Regie: Joe D'Amato

DarstellerInnen: Kieran Canter, Cinzia Monreale, Franca Stoppi, Sam Modesto, Anna Cardini u.a.

Inhalt:
Frank ist untröstlich über das frühe Ableben seiner Verlobten Anna. Er kann und will sich damit nicht abfinden. Als Tierpräparator weiß er genau, was er zu tun hat, als er Annas Leichnam aus ihrem Sarg zu sich in die Werkstatt holt...Wer ihm fortan in die Quere kommt und seinen Hausfrieden mit Anna (die er in einem Doppelbett drapiert) stört, wird gekillt. Vornehmlich junge Frauen, die ihm zu nahe treten. Bei der Beseitigung der Leichen wird er tatkräftig von seinem ehemaligen Kindermädchen, der Haushälterin Iris, unterstützt. Wie lange kann er sein perverses Doppelleben geheim halten?


Iris und Frank - eine schwierige Beziehung


Kurzer Schwächeanfall neben dem Säurebad


Unterhalten sich zwei Filmfans (die lieber anonym bleiben wollen) nach der x-ten Sichtung von "Buio Omega"

"Ich überlege noch, wie ich meinen Zugang zu dem Film definiere. Ich meine, er ist weder lustig, noch unheimlich oder gar tiefsinnig..."
"Ja, er ist ein reiner Exploitationfilm."
"Das sehe ich auch so. Aber warum sieht man sich so einen Film an? Wie erklärt man das Jemandem?"
"Ich weiß, was du meinst. Klar, wenn sich Jugendliche sowas ansehen, kann man das noch besser verstehen. Aber dass zwei Erwachsene sich diesen Film ansehen... Hmmmm..."


"Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf" ist ein Remake des Films  "Das dritte Auge" (1966) mit Franco Nero und Erika Blanc in den Hauptrollen. "Sado" erzählt im Wesentlichen die selbe makabere, sexuell konnotierte Dreiecksgeschichte zwischen einem jungen wohlhabenden Mann, seiner ihm hörigen Haushälterin und dem Objekt seiner sexuellen Begierde – die Leiche seiner Verlobten.
Während sich Regisseur Mino Guerrini 1966 etwas mehr auf die Geschichte und die psychische Konstitution des Frauenmörders konzentrierte, entschied sich unser allseits beliebter sagenhaft unverschämter Schmuddelregisseur Joe D'Amato dreizehn Jahre später, die Schauwerte (sprich: die ekelerregenden Effekte) in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Und damit wurde bei diesem Film nicht gegeizt. Gerüchten zufolge hat der in Deutschland bis zum heutigen Tag beschlagnahmte Film damals sogar die italienische Justiz beschäftigt. D'Amato wurde vorgeworfen, für die Ofen-Szene eine echte Leiche verwendet zu haben...

Das Drehbuch von "Buio Omega" wurde von niemand Geringerem als Giacomo Guerrini verfasst. Ob sich sein Vater Mino je zu dem daraus entstandenen Machwerk äußerte, ist nicht bekannt.
Er hat sich in einigen wesentlichen Szenen sehr an der väterlichen Vorlage orientiert, manche Einstellungen wurden sogar eins zu eins übernommen.
Jedenfalls haben es der Regisseur-Filius Guerrini und D'Amato verstanden, eine an sich spannungsarme Geschichte durch die Aneinanderreihung einiger Szenen mit menschlichen Innereien, Leichen, Sex, Kannibalismus, Nekrophilie und manchen besonders "kreativen" Arten der Leichenbeseitigung (Zerstückelung und Säurebad) aufzumotzen. Die Kamera hält wirklich auf Alles unerbittlich drauf.

Doch die Perversitäten und Situationen, in denen man sich so richtig unbehaglich fühlt, sind nicht nur die, in denen tief mit dem Skalpell durch totes Fleisch geschnitten oder im Innereien-Eimer gewühlt wird. Neben expliziten Spezialeffekten bietet auch die eindeutig ungesunde Beziehung zwischen Frank und der Hausangestellten so Einiges an Verstörungspotential. Manche gehen sogar so weit zu behaupten, dass die Tisch-Szene, in der Iris Frank tief in die Augen schaut während sie ihm Einblick in ihre Mundhöhle bietet, wo sie ein undefinierbares braunes Fleischgericht von matschiger Konsistenz zermalmt, der härteste Ekel-Effekt im Film ist.

Die Beziehung zwischen der Hausangestellten und dem Tier-Präparator hat außerdem einen unangenehmen inzestuösen Beigeschmack. Nicht nur, weil Iris sein ehemaliges Kindermädchen ist und seiner Mutter am Sterbebett versprochen hat, sich "für immer" (!) um ihn zu kümmern.
Nein, sie verhält sich ihm gegenüber auch wie eine Mutter. Ihre Liebe ist bedingungslos. Sie umsorgt ihn, lügt für ihn, erledigt seine Drecksarbeit und überlässt ihm zum Trost schon mal die (mütterliche) Brustwarze zum Saugen. Das alles tut sie, ohne Dank und Anerkennung zu erwarten.
Er hingegen versucht zu rebellieren und sich wie ein Teenager gegen die übermächtige Mutterfigur aufzulehnen. Frank verhält sich ablehnend und verletzend, stößt Iris verbal von sich und ist/bleibt dennoch in (emotionaler) Abhängigkeit zu ihr.

Der stimmungsvolle Soundtrack des Films gehört mit zum Besten, was je von der italienischen Prog-Rock Band Goblin produziert wurde. Er wechselt zwischen treibenden Synthie und E-Gitarre Kompositionen, düsteren Orgelklängen und melancholiegeschwängerter Klavier-Melodie.
In einem erstaunlich großen Ausmaß profitiert der Film von der sich abwechselnden Tristesse und Energie der Musik und natürlich auch den Schauplätzen im Südtirol. Warum auch immer die Charaktere mit Autokennzeichen österreichischer Bundesländer herumfahren, der Schauplatz von "Buio Omega" ist die malerische Berglandschaft und Natur Brixens. (Location Fotos demnächst)
Jeder weiß, wie trügerisch eine ländliche Idylle sein kann und dass sich in ruralen, weniger dicht besiedelten Gebieten häufig die abartigsten Verbrechen abspielen. Dieser Teil des Plots ist neben der grandiosen charismatischen Franca Stoppi in der Rolle der Iris dann auch schon das Glaubwürdigste an dem ganzen herrlichen Schundwerk.

"Sado" zelebriert für sein Publikum eine Orgie des schlechten Geschmacks.
Zwar sind die Effekte im Vergleich zu heutigen Exploitationfilmen schlechter, doch vermochte dieser Film seinen Fans im Jahr 1979 und den VideothekenbesucherInnen der 80er Jahre eine Grenzerfahrung der besonderen Art zu bescheren und ihn im Lauf der Jahre (nicht zuletzt wegen seiner Zensur Geschichte bei unseren deutschen Nachbarn) zu einer kleinen Genre-Legende zu stilisieren.
Korrekten Menschen mit Buchhalterseele und selbstgefälligen Moral-Aposteln (soll es ja nicht nur bei der BPjM geben) bietet der Film sicherlich auch heute noch ausreichend Anlass, sich (künstlich) aufzuregen.
Und ja, mir bereitet "Buio Omega" immer noch diabolisches Vergnügen.




Foto: Astro, CMV Glasbox, Shriek Show, XT Hartbox und unten XT Mediabook





Foto: OST (Vinyl)




Sonntag, 1. Oktober 2017

THE VVITCH - A NEW-ENGLAND FOLKTALE (2015)















THE WITCH
Brasilien, GB, Kanada, USA 2015
Regie: Robert Eggers

DarstellerInnen: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson u.a.

Inhalt:
Neu-England in den 1630er Jahren. Eine siebenköpfige Familie versucht ihr Glück als Selbstversorger in der kargen Wildnis. Von der Gemeinde, in der sie vorher lebten, verstoßen, widmen sie sich tagein tagaus ihren Gebeten und den strengen christlichen Regeln und Geboten, die sie zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben. Als das jüngste Familienmitglied, Baby Samuel, spurlos verschwindet und sich unheilvolle Zeichen und Vorkommnisse häufen, beginnen die Familienbande zu bröckeln...


Thomasin (Anya Taylor-Joy)


Die Familie beim (letzten) Abendmahl


"The Witch" ist einer dieser Filme, bei dem es sich definitiv gelohnt hat, ihm noch eine zweite Chance zu geben. Die erste Sichtung stand unter keinem guten Stern. Als wir umgeben von einer Horde ganz laut mit offenem Mund Popcorn schmatzender Pubertierender (keine Übertreibung - so etwas habe ich davor noch nie und danach nie wieder gehört) in einem Würzburger Kino saßen, versuchte ich mir einzureden, dass die Geräuschkulisse im Saal doch wunderbar zu der Stall-Atmosphäre des Films passt. Es wollte mir leider nicht so richtig gelingen. Das andere Problem, neben der in meinen Ohren unangenehm klingenden deutschen Synchronisation, war die auf Wohnzimmerlautstärke eingestellte Soundanlage. Alles in allem wurde uns an diesem Abend kein erfreuliches Kino-Erlebnis zuteil. "The Witch" hat nicht gezündet und ich verlor das Werk wieder aus den Augen. Vorerst.
Als Robert Zion dann vor Kurzem auf seinem Blog zu dem Fazit kam, dieser Film sei "ein spätes, aber großes Meisterwerk des Genres", wollte ich es nochmal wissen...


Karge Landschaft, lebensfeindliche Natur


"The Witch" ist trotz oder vielleicht gerade wegen seiner fast kammerspielartigen räumlichen Enge von verstörender Intensität. Er erinnert mich an Lars von Triers "Antichrist" - lebensfeindliche Natur, Abgeschiedenheit von der Gesellschaft, Hexen, durch und durch pessimistisch und düster.
Die unwirtliche Landschaft, in der nichts gedeiht außer Missgunst und Hass in den Seelen der Familienmitglieder, wirkt bedrückend karg. Der einzige fruchtbare Acker sind die Herzen der bigotten Sippschaft, auf die der Same des Aberglaubens fällt und gedeiht.
Die Beschaffenheit der Natur wirkt wie ein Sinnbild der Selbstkasteiung, die diese puritanische Familie im Namen ihres Gottes, Jehova, betreibt.
Freude ist Sünde und das Leben voller Entbehrungen der einzige Schlüssel zum Paradies.
Die dunkle Poesie von "The Witch", verstärkt durch ikonische Bilder und surreale Bewegungen - manche Sequenzen wurden mit einer höheren als der normalerweise verwendeten Bildfrequenz aufgenommen - wird durch den teils dissonanten, jedenfalls Nerven zehrenden Soundtrack akkurat betont.
Die dezente Farbkomposition des Films lässt das spärlich, doch effektiv eingesetzte Rot (die Kapuze der Hexe und natürlich das Blut) umso kontrastreicher und intensiver erscheinen.

Trotz einiger schauriger (Gewalt-) Szenen ist das immanente Grauen des Films subtiler Natur. Nicht erst seit "Carrie" wissen Horrorfilmregisseure um die finstere Aura und die Gefährlichkeit von religiösen FanatikerInnen. (Leider auch ein brandaktuelles Thema in der heutigen Zeit.)
Das hervorragende Schauspiel der jungen Anya Taylor-Joy (Thomasin) und die Gänsehaut erzeugende "Besessenheitsszene" von Harvey Crimshaw (Caleb) sind wirklich ganz großes Kino. Ralph Ineson (Vater William) mit seiner unheimlichen Bass-Stimme und seinen markanten Gesichtszügen überzeugt ebenso wie Kate Dickie (Mutter Katherine) durch zurückhaltendes und an den notwendigen Stellen temperamentvolles Schauspiel.

Das Ende provoziert sein Publikum regelrecht zu divergierenden Interpretationen und es finden sich unterschiedliche Deutungsvarianten der Geschichte. Eine Form von Erzählkunst, die meist nur abseits der Straßen des Mainstreamkinos auf kleinen, verschlungenen Pfaden von Genreproduktionen zu finden ist.
Ich halte den Vergleich mit dem von mir sehr verehrten Werk Brunello Rondis "Il demonio" (1963) für angebracht. Worüber "The Witch" vor dem Abspann informiert, steht bei "Il demonio" am Beginn - eine Texttafel über die recherchierten tatsächlichen Grundlagen des im Film skizzierten Aberglaubens der Bevölkerung.
In beiden Werken geht es um eine Frau, die in einem streng katholischen, jedoch zutiefst abergläubischen Umfeld der Hexerei verdächtigt wird. Und in beiden Fällen gibt es am Ende keine geradlinige Erklärung für gewisse Phänomene - was ist Einbildung, hervorgerufen durch fanatische Glaubensdoktrin und daraus resultierende Hysterie? Was ist tatsächlich (nicht) rational erklärbar?

"The Witch" ist sowohl als Genrefilm als auch als Spiegel einer paranoiden Gesellschaft voller Doppelmoral und alptraumhaftes Zerrbild eines (vermeintlich) idyllischen Familienlebens zu sehen.
Ein Film, der mehr illustriert, als es auf den ersten Blick den Anschein macht und ohne Frage geschmackstechnisch ein gewisses Spaltungspotential innerhalb der Horrorfilmcommunity besitzt.




Foto: Blu Ray von Universal