Sonntag, 18. Juni 2017

AND SOON THE DARKNESS (1970)















TÖDLICHE FERIEN

Großbritannien 1970

Regie: Robert Fuest
DarstellerInnen: Pamela Franklin, Michele Dotrice, Sandor Elès, John Nettleton, Claude Bertrand, Hana Maria Pravda, Jean Carmet, u.a.


Inhalt:
Die Britinnen Jane und Cathy sind mit dem Fahrrad in Frankreich unterwegs. Nach einem Streit zwischen den jungen Urlauberinnen trennen sich ihre Wege. Als Jane kurze Zeit später das schlechte Gewissen überkommt, macht sie sich auf die Suche nach ihrer Freundin. Paul, der mit seiner Vespa unterwegs ist, bietet seine Hilfe an. Doch er verhält sich wie andere Einheimische mehr als eigenartig in der Gegenwart von Jane...


Jane und Cathy - noch guter Dinge


Paul: Freund oder Feind?


"Tödliche Ferien" ist ein intelligent gemachter Thriller, dessen Spannungs-Konzept in erster Linie auf subtilem psychologischen Horror basiert.
Jane (Pamela Franklin) befindet sich allein in einem Land, dessen Sprache sie nur rudimentär beherrscht. Sie versteht die Einheimischen kaum und kann sich den Menschen in ihrer Umgebung nicht wirklich verständlich machen. Zudem steckt sie weit entfernt von einem größeren Ort in einer ländlichen Gegend fest, ist mit dem Rad nur bedingt mobil.

Paul (Sandor Elès) verhält sich ihr gegenüber verhalten feindselig und auch bei Begegnungen mit anderen Menschen kann sich Jane nie sicher sein, ob sie Freund oder Feind sind.
Im Gegensatz zu anderen Thrillern ähnlicher Natur wurde "Tödliche Ferien" ausschließlich bei gleißendem Tageslicht gedreht. Es ist ein heißer Sommertag, die Luft über dem Asphalt flimmert und Jane hat manchmal arge Probleme, sich ihr nähernde Fahrzeuge und Personen rechtzeitig aus einer gewissen Distanz heraus zu erkennen.
Der Film bedient sich gängiger Backwood-Horror Mechanismen. Die Männer und Frauen, denen Jane auf ihrer Suche nach der Freundin begegnen, wirken schmuddelig, ungehobelt und Manche zurückgeblieben. Ich könnte mir gut vorstellen, dass jeder halbwegs zivilisierte Franzose entsetzt ist über diese Darstellung der "Grande Nation".
Wäre ich noch nie in Frankreich gewesen – nach diesem Film würde ich es mir wahrlich grauenhaft vorstellen!

Durch die mit Bedacht platzierte Filmkamera und dem Spiel mit Fokus und Winkel wird eine Atmosphäre der permanenten Unsicherheit und schwelenden Gefahr erzeugt. Man sieht beispielsweise wiederholt einen Mann, der auf einem Feld arbeitet, von schräg hinten beim Beobachten der vorbeifahrenden Frauen. Was führt er im Schilde?
Auch der Zoom auf das harte, undurchschaubare Gesicht der älteren Madame, bei der Jane einen Zwischenstopp macht, scheint Bände zu sprechen.
Ebenso wie die gierigen Blicke der Engländerin, die ihre verzweifelte Landsmännin ein paar Kilometer mit dem Auto transportiert. Die Frau scheint Jane nicht nur permanent zu mustern, sondern mit Blicken regelrecht verschlingen zu wollen. Der Film lebt von diesen Szenen, die dünne Geschichte ist im Vergleich dazu nämlich etwas holprig.

Pamela Franklin, die ich bereits in "The Nanny" und "Tanz der Totenköpfe" sehr bemerkenswert fand, präsentiert in diesem Film eine sympathische und wehrhafte junge Lady, mit der man gerne mitfiebert. Im Gegensatz zu Michele Dotrice, die Cathy als ziemlich unangenehme Schreckschraube dastehen lässt, deren Verbleib mich den restlichen Film über nur wenig kümmert.
Neben den großartigen Charaktergesichtern, mit denen die Einheimischen besetzt wurden, sticht der in Ungarn geborene Sandor Elès ebenfalls sehr positiv hervor. Er spielt mit seiner zurückhaltenden Mimik einen sehr dubiosen Paul.
Letzterer verhält sich Jane gegenüber nämlich nicht besonders galant. Sein Auftreten steht in einem denkbar merkwürdigen Kontrast zu seinem schicken Outfit, mit dem er in dieser ländlichen Gegend ohnehin deplatziert wirkt.
Elès nimmt man es jedenfalls sofort ab, dass er Jane am liebsten ins Gesicht spucken würde, wenn er mit kaum verhohlener Abscheu "Your accent is terrible" sagt.
Ein zwielichtiger Zeitgenosse.

Wem explizite Szenen und ein hoher Bodycount wichtig sind, den wird "Tödliche Ferien" tööödlich langweilen. Er ist wahrlich kein "Reißer".
Mich hat dieser handwerklich ausgezeichnete Film trotz der ein oder anderen Länge blendend unterhalten. Vor dem nächsten Frankreich Aufenthalt werde ich ihn mir wahrscheinlich wieder ansehen. Am besten als Double-Feature mit "Sheitan"...




Foto: DVD von Studio Canal



Montag, 5. Juni 2017

THE DESCENT (2005)



THE DESCENT – ABGRUND DES GRAUENS

Großbritannien 2005
Regie: Neil Marshall

DarstellerInnen: Shauna Macdonald, Natalie Mendoza, Alex Reid, Saskia Mulder, MyAnna Buring, Nora-Jane Noone, Oliver Milburn, Molly Kayll, Craig Conway u.a.

Inhalt:
Eine Gruppe von abenteuerlustigen und sportlichen Frauen planen eine Höhlentour in den Appalachen. Obwohl Sarah noch unter dem traumatischen Unfall vom Vorjahr, bei dem sie Mann und Kind verloren hat, leidet, treibt die ehrgeizige Juno die Freundinnen rücksichtslos voran. Kurz nach dem Einstieg in die Höhle kommt es zu einem fatalen Felsrutsch, Spannungen zwischen den Frauen, schweren Verletzungen und schließlich zu einem erbarmungslosen Kampf ums nackte Überleben...


Letztes Selfie vor der Tour


Sarah nach der "Verwandlung"


Ein ganz besonderes Erlebnis ist dieser Film, wenn man nur rudimentär über die Story Bescheid weiß und die Leinwand so groß wie möglich ist. Ich hatte das Glück, dass ich ihn völlig unvorbereitet im Kino gesehen habe. Es war ein teuflisches Vergnügen.
Ein Bekannter aus Wien war damals gerade ein paar Tage bei mir und überredete mich zu einem Kinobesuch. Ich ahnte schon Schlimmstes. Seitdem er mir einige Monate zuvor "Wolf Creek" als einen der krassesten und spannendsten Filme der letzten Jahre präsentiert hatte, wusste ich: Filmtechnisch kommen wir nie auf einen gemeinsamen Nenner.
Als ich im Kino das Plakat mit der reißerisch wirkenden Formulierung "The Descent – Abgrund des Grauens" sah, wähnte ich mich bereits gefährlich nahe am Abgrund der Langeweile. Ich erwartete einen dieser vorhersehbaren "Fast Food Mainstream Horror-Filme", die in regelmäßigen Abständen aus Kommerzgründen produziert werden.
Doch dann kam es ganz anders. Ich war hellauf begeistert, mein Begleiter überhaupt nicht und das wohl ebenfalls eher unvorbereitete Publikum im voll besetzten Kinosaal ziemlich unruhig. Mal mehr, mal weniger erfolgreich unterdrückte Schreie waren vernehmbar und ganze Sesselreihen wackelten, was neben dem wirklich guten Film sehr zu meinem Amusement beigetragen hat. So eine Reaktion auf einen Film habe ich davor noch nicht und danach nie wieder erlebt.

Es gibt Regisseure, die einen Horrorfilm lediglich als kurzen Ausflug ins Genre oder eine Art technisch-künstlerisches Experiment zu Beginn ihrer Karriere sehen. Oft sind es jene, die sich jetzt seriös geben und sich auf ihrem Mainstream-Regisseur-Thron sitzend feiern lassen, die ihre alten Filme nicht einmal mit der Kneifzange anfassen geschweige denn öffentlich erwähnen würden.
Marshall hingegen ist bekennender leidenschaftlicher Horrorfilm Liebhaber und das merkt man sowohl "Dog Soldiers" als auch "The Descent" und nicht zuletzt "Doomsday" deutlich an.
Die Reminiszenzen an Marshalls filmische Vorbilder stehen jedoch nicht im Vordergrund und reißen das Publikum nicht aus der Handlung, sondern fügen sich geschmeidig in das Gesamtwerk ein.

"The Descent" ist ganz schlicht formuliert einfach verdammt effektiv gemacht. Ein Bekenntnis von Neil Marshall zum Horrorfilm. Ein Werk von einem Genre Spezialisten für Genre-Fans.
Von jemandem, der "Carrie" gesehen hat und der sich darüber im Klaren ist, wie abstoßend und zugleich faszinierend Blut auf blonden Haaren aussieht. Als Sarah (Shauna Macdonald) über und über mit Blut bedeckt ihre weit aufgerissenen Augen wie ein verwundetes wild gewordenes Tier in ihrem Schädel herumrollen lässt, ist dies eine ähnliche Schlüsselstelle wie die Schweineblut-Szene mit Carrie White.
Sie markiert ihre (endgültige) charakterliche Wandlung und bringt die niederen Instinkte an die Oberfläche ihrer Persönlichkeit.

Bewusst wurde auf eine gefühlt stundenlange Charakterisierung und Vorstellung der Höhlentour-Mitglieder verzichtet. Ist für so eine Art von Film auch gar nicht notwendig. Oder würde jemand auf die Idee kommen, sich bei einem "Texas Chainsaw Massacre" zu beschweren, dass es ohne lange Umschweife bald "zur Sache" geht? Eben.

"The Descent" ist einer jener Filme, die ich mir in regelmäßigen Abständen immer wieder gerne ansehe. Da ich unlängst selbst unterwegs war in einer Landschaft mit einer Schlucht, umgeben von wilder Natur, Felsen und Höhlen, fand ich, dass es wieder einmal Zeit ist für eine Höhlentour mit Sarah, Juno, Holly und Co.
Allein schon die Tatsache, dass die sechs Frauen sich in einem bis dato unerforschten Höhlensystem befinden und der einzige (ihnen bekannte?) Weg nach Draußen verschüttet wird, lässt den Klaustrophobie-Faktor ins Unermessliche schnellen. Die Szene, in denen die Protagonistinnen Panikattacken erleiden oder sie sich völlig verausgaben, um sich einen Weg über eine Schlucht zu bahnen, sind bereits atemberaubend spannend inszeniert.
Doch ohne unnötig viel vorwegnehmen zu wollen: Marshall legt noch einige Schäufelchen drauf.
Mehr kann und will ich an dieser Stelle nicht verraten.

Ich mag "Descent" nicht nur wegen den interessanten Frauencharakteren, sondern auch wegen dem dramatischen Soundtrack, den sehr gut choreographierten Kampfszenen und dem erfreulich spärlichen Einsatz von CGI. Er gehört definitiv zu jenen Filmen, die ich mir in regelmäßigen Intervallen immer wieder mit großem Vergnügen ansehe. Allerdings nur noch in bester Gesellschaft. Mit Menschen, die solche Filme ebenfalls zu schätzen wissen.




Foto: Meine Kinokarte




Foto: Special Edition von Pathé und das Universum Steelbook