Geisterdorf

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Italien März 17

Sonntag, 12. März 2017

IL MEDAGLIONE INSANGUINATO (1975)















THE NIGHT CHILD
THE CURSED MEDALLION (Alternativtitel)

Italien 1975
Regie: Massimo Dallamano
DarstellerInnen: Richard Johnson, Ida Galli (Evelyn Stewart), Nicoletta Elmi, Lila Kedrova, Joana Cassidy u.a.


Inhalt:
BBC Dokumentarfilmer und Kunstexperte Michael Williams reist in Begleitung seiner Tocher Emily und dessen Kindermädchen Jill nach Spoleto, Italien. Hier soll sein nächster Film gedreht werden, in dem es um die Darstellung des Teufels in Gemälden geht. Besonders das Gemälde mit einer brennenden Frau zieht Michael in seinen Bann. Es ist noch nicht lange her, dass seine eigene Frau, Emilys Mutter, bei einem Brandunfall ungeklärter Ursache ums Leben kam.
Emily verhält sich gegenüber ihrem Vater immer vereinnahmender und besitzergreifender. Auch ihre Anfälle, bei denen sie schreit und aggressiv wird, treten in Spoleto häufiger auf.
Contessa Cappelli, Kunstkennerin und Medium, warnt Michael vor dem Gemälde und dem Aufenthalt in Spoleto...


Verängstigte Emily


Gräfin Cappelli warnt vor dem Gemälde


Als wir in einem Kaufhaus in Genua im Jahr 2007 die italienische Silberling-Veröffentlichung von "Il medaglione insanguinato" in den Händen hielten, war unsere Vorfreude auf den Film immens.
Wir hatten das erhabene Gefühl, gerade einen kleinen cineastischen Schatz aus den Untiefen der DVD Abteilung gehoben zu haben. Immerhin galt dieses Massimo Dallamano Werk damals noch als Geheimtipp. Zuerst nur in Japan in digitaler Form veröffentlicht, wurde "Il medaglione insanguinato" 2005 auf der Biennale anlässlich der Ausstellung "Storia segreta del Cinema Italiano" gezeigt und war seitdem auch in Italien erhältlich.

Wir sollten nicht enttäuscht werden. Es war Liebe auf den ersten Blick. Die leicht verworrene Story rund um das verfluchte Medaillon und Emilys Besessenheitszustände klärt sich bis zum Ende nicht bis ins Detail auf. Aber sie dient als gelungener Rahmen für die atmosphärischen Bilder von Spoleto und das stimmungsvolle Schauspiel von Kinderstar Nicoletta Elmi in der Rolle der Emily ("The Child - Die Stadt wird zum Alptraum", "Spuren auf dem Mond", "Baron Blood" u.a.).
Die junge Elmi beweist auch in "Medaglione", dass sie ihrer kindlichen Unschuld zum Trotz die zwielichtige, dämonische Seite ausdrucksstark auf der Leinwand zur Geltung bringen kann.

Durch das intensive Schauspiel Elmis und den Verzicht auf reißerische Effekte wird Emily als innerlich zerrissene, leidende Seele dargestellt.
Über einen längeren Zeitraum wird nicht klar, ob das frühpubertäre Mädchen unter einem Problem lediglich psychologischer Natur leidet oder ob tatsächlich übernatürliche Kräfte oder gar der Teufel selbst mitmischen.
Woher der häufig bemühte Vergleich mit "Der Exorzist" oder "Das Omen" kommt, erschließt sich mir auch nach wiederholter Sichtung nicht wirklich.  Die diabolische Besessenheit wird in Dallamanos Film weniger plakativ und exploitativ als in "Der Exorzist" oder ähnlichen Werken präsentiert.
Für mich steht bei "Il medaglione insanguinato" keine Besessenheits-Geschichte im Vordergrund und Emily ist auch sicher nicht die Antichristin. Eher die Reinkarnation einer gewissen Emilia, deren Geschichte sich durch Emily wiederholen soll/wird...

Der britische Schauspieler Richard "the boat can leave now – tell the crew" Johnson überzeugt in der Rolle des Vaters und die in anderen Filmen tendenziell extravagant wirkende Ida Galli ("Un bianco vestito per Marialé") bleibt tatsächlich in ihrem Auftreten so blass wie das unscheinbare Kindermädchen, das sie mimt.
Lila Kedrova, die im selben Jahr gemeinsam mit Nicoletta Elmi für Bazzonis Meisterwerk "Spuren auf dem Mond" vor der Kamera stand, überzeugt als medial begabten Gräfin.


Spoleto düster


Spoleto in der Vergangenheit


Die Ausleuchtung der verwinkelten Gassen und historischen Gemäuer Spoletos und die von diffusem Licht dominierten Traum- und Vergangenheits-Szenen zeugen von Liebe zum ästhethischen Detail. Sonnenuntergänge, die den Himmel in phantastischen Farben zum Leuchten bringen sind ebenso morbide in Szene gesetzt wie die von Verfall bedrohten Gemäuer. Das Spiel von Licht und Schatten, das in dem diabolischen Gemälde, das Michael so fasziniert, sehr prägnant ist, begegnet uns wieder in den changierenden Farben und Lichtverhältnissen des Films.
Der etwas beschwingt wirkende Soundtrack aus der Feder Stelvio Ciprianis täuscht nur in Ansätzen und vor allem durch sein Tempo über das eher von Melancholie bestimmte Thema der Musik hinweg und gehört für mich zweifelsohne zu Ciprianis besten Scores.

Das Ende ist von unglaublichem Fatalismus geprägt. Niemand kann und soll seiner Vorherbestimmung entfliehen.
Massimo Dallamano hat mit "Il medaglione insanguinato" einen Film geschaffen, der ganz in der Tradition des Gotik-Kinos eines Mario Bava oder Riccardo Freda steht und einen Vergleich mit den genannten Regisseuren nicht scheuen muss.
Unverständlicherweise wird diesem Film nach wie vor auch in der Italokino-Fangemeinde nicht die gebührende Wertschätzung zuteil.


Fotos vom Drehort Spoleto gibt es hier zu sehen.





Foto: IIF Home Video, Arrow Video (vlnr.)