Samstag, 28. Februar 2015

L'ALDILA'... E TU VIVRAI NEL TERRORE! (1981)














ÜBER DEM JENSEITS
DIE GEISTERSTADT DER ZOMBIES (Alternativtitel)
Italien 1981
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Catriona McColl, David Warbeck, Cinzia Monreale, Antoine Saint-John, Veronica Lazar, Al Cliver, Maria Pia Marsala u.a.


Inhalt:
Der Maler Schweick, der sich in Zimmer 36 eines Hotels niedergelassen hat, wird von ein paar fackelschwingenden Dörflern der Hexerei bezichtigt, gefoltert und auf grausame Weise ermordet.
50 Jahre später.
Die New Yorkerin Liza zieht nach New Orleans, wo sie ein altes Hotel geerbt hat. Ihr Plan ist es, die Villa zu renovieren und die Herberge wieder zu eröffnen. Bereits während der Renovierungsarbeiten geschehen Unfälle und unerklärliche Phänomene. Alsbald wird Liza von einer mysteriösen blinden jungen Dame namens Emily vor dem Verbleib im Hotel gewarnt und inständig gebeten, wieder wegzuziehen.
Der Arzt John versucht der zunehmend verwirrten Liza zur Seite zu stehen und die Vorkommnisse rational zu erklären. Ein fataler Fehler...


Liza und ihre suspekte Haushälterin im Keller


Das einladende Hotel


"Über dem Jenseits" ist wohl atmosphärisch der herausragendste Film der "Gates of Hell-Trilogie" rund um das Buch Eibon und die Tore zur Hölle (hierzu gehören des Weiteren "Ein Zombie hing am Glockenseil" und "Das Haus an der Friedhofmauer").
Lucio Fulci erweckt in diesem Werk nicht annähernd den Anschein, tatsächlich eine kohärente Geschichte erzählen zu wollen. Vielmehr erscheint die Szenenabfolge bei "Über dem Jenseits" wie eine Aneinanderreihung alptraumhafter, mystischer und ekelerregender Szenen. Die Gesetzmäßigkeiten der Realität werden aus den Angeln gehoben und unsere Hauptcharaktere befinden sich in einem nie enden wollenden Nachtmahr der übelsten Sorte.

Genau dafür wird der kreative Filmemacher bei seinen treuen (Splatter-)Fans auch geschätzt. Für die unheilvollen Bilder, die erschreckend und manchmal malerisch erscheinen. Für den Eindruck einer nahenden Apokalypse, die uns der Film vermittelt.
Leider hat sich meines Erachtens auch der ein oder andere zu gut gemeinte Gore-Effekt in die Gesamtkomposition eingenistet wie eine Made im Speck. Einige der Szenen, wie zum Beispiel die deutlich erkennbaren unbeweglichen Fake-Vogelspinnen, die neben den echten „herlaufen“ und so dezent deplatziert wirken, die Hunde-Szene und die ein oder andere Wachsmaske wirken etwas zu hastig improvisiert.
Natürlich finden sich genug andere SFX, die dafür entschädigen. Doch leider büßt die schön-schauerliche Atmosphäre dadurch ein Quäntchen ihres Reizes ein. Etwas weniger wäre hier doch mehr gewesen.

Improvisation war aufgrund des niedrigen Budgets und der zeitlichen Knappheit wohl an allen Ecken und Enden nötig.
Da nicht genügend Statisten für die "Höllen-Szene" vorhanden waren, engagierte man kurzerhand einige Obdachlose von der Straße, die herumliegende Leichen mimen sollten. Um sie ruhig zu halten, sei vom Produktionsleiter großzügig Fusel an die Männer verteilt worden.
So zumindest berichtete einst der sympathische, leider recht jung verstorbene David Warbeck in einem Interview mit der Zeitschrift "Fangoria".

Seit "Die sieben schwarzen Noten" hatte Fulci sein gut eingespieltes Team kaum mehr verändert. Auch dieses Mal setzte er auf altbewährte kreative Wegbegleiter wie Kameramann Sergio Stivaletti (u.a. "Das Syndikat des Grauens", "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies"), FX-Meister Giannetto De Rossi und Fließband-Drehbuchautor Dardano Sacchetti.
Letzterer hat das Drehbuch, das auf einer seiner Kurzgeschichten basiert, zwar begonnen, aber aufgrund eines ihm damals wichtiger erscheinenden Engagements und seiner abrupten Abreise nicht vollendet.
Fulci fühlte sich von ihm im Stich gelassen und habe ihm, laut Aussage Sacchettis, diese Aktion nie ganz verzeihen können. Das Drehbuch sei dann vom Regisseur selbst vollendet worden.

Über ein Wiedersehen mit der charismatischen Catriona MacColl ("Ein Zombie hing am Glockenseil") als Liza und dem sympathischen Neuseeländer David Warbeck ("Draculas Hexenjagd") darf man sich ebenso freuen wie über den Auftritt von Al Cliver (die "Rothaut" in "Woodoo") als Arzt und den mit hohem Wiedererkennungswert ausgestatteten Gianpaolo Saccarola (der eigenartige Bibliothekar in "Das Haus an der Friedhofmauer").

Die vernachlässigbaren technischen Ausrutscher (die prinzipiell nicht nur negativ gesehen können werden, da sie dem Film eine schrullige Liebenswertigkeit verleihen) werden ausgebügelt durch einen der besten Horrorfilmsoundtracks aller Zeiten aus der Feder von Fabio Frizzi.
Eine Melodie für die Ewigkeit.

"And you will face the sea of darkness and all therein may be explored."


Eine der Lieblingsdiskussionen in diversen Internetforen ist, ob "Über dem Jenseits" oder "Ein Zombie hing am Glockenseil" der bessere Film ist.
Ich kann und möchte mich an dieser Stelle gar nicht entscheiden und bekenne, dass ich alle Filme der "Gates of Hell-Trilogie" verehre und je nach Stimmung mal den einen, mal den anderen favorisiere.
Tipp: die englische Synchronisation erhöht auch hier den Düsterkeits-Faktor.

Tritt auch du ein in Zimmer 36, aus dem es keine Wiederkehr gibt!




Foto: Astro (links unten), NoShame IT, XT Hartbox, Arrow BD, XT Mediabook BD




Foto: Ausgabe von "Creepy Images", die den italienischen Aushangsatz beinhaltet




Foto: Vinyl-Soundtrack vom Label "Mondo" mit wunderschönem Gatefold





Foto: OST von Beat Records (CD)



Samstag, 21. Februar 2015

LA DONNA DEL LAGO (1965)














LA DONNA DEL LAGO
Italien 1965
Regie: Luigi Bazzoni, Franco Rossellini
DarstellerInnen: Peter Baldwin, Salvo Randone, Valentina Cortese, Pia Lindström, Vittorio Duse, Philippe Leroy, Virna Lisi


Inhalt:
Schriftsteller Bernard trennt sich von seiner Freundin, um seiner akuten Sinnkrise in einer kleinen Pension an einem beschaulichen Ort zu entfliehen. Außerdem erwartet er gespannt ein Wiedersehen mit der schönen Tilde, die als Zimmermädchen dort arbeitet.
Leider muss er erfahren, dass Tilde gestorben ist. Selbstmord soll die Todesursache gewesen sein. Schon bald gibt es erste Hinweise, die Zweifel an der dem Schreiberling zugetragenen Version aufkommen lassen. 
Und Bernard beginnt, Nachforschungen anzustellen, die nicht nur ihm gefährlich werden...


Mario (Leroy) beim Fleischhacken - verdächtig?


Die schöne Tilde zu Lebzeiten, ein Objekt der Begierde


Bei "La donna del lago" handelt es sich um eine beinahe vergessene und leider nicht entsprechend gewürdigte Perle des Giallo Genres.
Der Film erzählt eine klassische Giallo-Geschichte, basiert auf einem Roman, kombiniert mit wahren Begebenheiten, und wurde mithilfe von düsteren und tristen Schwarz-Weiß Bildern visuell interessant umgesetzt. Einer der Drehbuchautoren, Giulio Questi, sollte sich später als Regisseur von "Töte, Django" einen Namen machen.

Der Plot ist zwar relativ simpel und der Kreis der Verdächtigen von Anfang an ziemlich reduziert. Dass die Familie, die die Pension betreibt, sich komisch verhält und Dreck am Stecken hat, riecht man natürlich 50 Meter gegen den Wind.
Aber wer hat den Tod des schönen Zimmermädchens zu verantworten?
Der auf den ersten Blick aalglatte ältere Pensionsinhaber, der trotz seiner Freundlichkeit irgendwie subtil aggressiv wirkt? Seine Tochter, die depressiv und frustriert in sich zusammenfällt, sobald sie sich unbeobachtet fühlt? Oder sein Sohn Mario, der Metzger, der im Dorf als aggressiv und unnahbar gilt?
Letzterer wird übrigens vom vielseitigen Philippe Leroy ("Femina Ridens"), einem meiner Lieblings-Giallo-Veteranen, gespielt. Ein kleines Manko des Films: der Amerikaner Peter Baldwin, der den Hauptprotagonisten mimt, wirkt leider etwas blass und wenig sympathisch (was aber auch der Rolle geschuldet ist).

Trotz der vermeintlichen Offensichtlichkeit kann man sich über die Täterschaft und das Motiv nicht ganz sicher sein. Hobbydetektiv Bernard vermischt wiederholt seine Fantasien und nächtliche Trauminhalte mit realen Ereignissen und liegt plötzlich von hohem Fieber befallen darnieder.
Wäre es nicht auch denkbar, dass Bernards Visionen und Alpträume sein Urteilsvermögen trüben? Nimmt er die Realität nur verzerrt wahr? Die starken Emotionen, die er für Tilde hegte, scheinen ihn definitiv bei seinen Ermittlungen zu lenken.

Die ständig vorherrschenden Gefühle der Einsamkeit und Verzweiflung, die allen ProtagonistInnen an der Sohle zu kleben scheinen und sich im Lauf der Handlung zuspitzen, machen "La donna del lago" zu einem etwas schwermütigen Film mit einer Tendenz Richtung Drama. Bonjour tristesse!
Bernard scheint nicht der Einzige mit einer Sinnkrise zu sein. Sogar die frisch angetraute Ehefrau von Mario verfällt körperlich und geistig zusehends anstatt vor Glück und Liebe aufzublühen.
Im Dorf wird deshalb schon getuschelt und gemunkelt und die familiengeführte Pension hat spätestens nach dem mysteriösen Tod der Gattin Marios außer Bernard keine Gäste mehr. Deshalb stehen der Inhaber und seine Kinder nicht nur vor dem gesellschaftlichen Aus, sondern auch vor dem finanziellen Ruin.
Der Verfall von Werten, Reichtum und Sitten ist nicht nur Thema der in "La donna del lago" erzählten Geschichte, sondern spiegelt sich auch in Aufnahmen der kargen herbstlich-winterlichen Landschaften.

"La donna del lago" kommt auf leisen Sohlen, verbreitet Gefühle von Beklemmung und Unbehagen und hinterlässt seine Fußabdrücke auf unserer Seele.
Dieser Film ist definitiv keine legere Unterhaltung, sondern etwas schwerere Kost. Dafür von einer besonderen Qualität, die eher an Arthaus-Filme als an die üblichen italienischen Genreproduktionen seiner Zeit erinnert.
Ein wertvolles Kleinod italienischer Filmkunst.




Foto: DVD von "Sinister" und die wundervolle Koch Media VÖ



Donnerstag, 12. Februar 2015

NON SI SEVIZIA UN PAPERINO (1972)














DON'T TORTURE A DUCKLING
QUÄLE NIE EIN KIND ZUM SCHERZ ... (Zusatz zum engl. Titel)
Italien 1972
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Florinda Bolkan, Barbara Bouchet, Tomas Milian, Irene Papas, Marc Porel, Georges Wilson, Vito Passeri u.a.


Inhalt:
Ein abgelegenes Dorf im südlichen Italien Anfang der Siebziger Jahre. Das Verschwinden eines kleinen Jungens versetzt die BewohnerInnen in Unruhe. Als er kurze Zeit später tot aufgefunden wird, schlägt die Stimmung in Angst und Entsetzen um.
Ein Schuldiger ist schnell gefunden, doch ebenso schnell kommen Zweifel an seiner Täterschaft auf.
Auch nach der Festnahme werden weitere Kinderleichen gefunden. Die Polizei und ein zugereister Reporter ermitteln fieberhaft. Wer ist für die Morde verantwortlich und wie kann man den grausamen Killer stoppen?


Maciara (Bolkan) glaubt an Voodoo


Martelli (Milian) und Patrizia (Bouchet) suchen den Mörder


Der vom Label '84 unter dem gewöhnungsbedürftigen Titel "Don't torture a duckling - Quäle nie ein Kind zum Scherz..." erstmalig auf Deutsch veröffentlichte "Non si sevizia un paperino" zählt nicht nur unter Genre-Fans zu einem der besten Gialli, sondern wurde auch von Regisseur Lucio Fulci selbst wiederholt als sein Favorit unter seinen eigenen Werken genannt.
Auch für mich gehört er schon lange Zeit zu einem meiner persönlichen Lieblingsfilme im Giallo-Universum und die Vorfreude auf die Veröffentlichung ist dementsprechend groß. Das geht euch vermutlich nicht anders.
Wer allerdings einen "Killer mit schwarzen Handschuhen-Film" erwartet, wird enttäuscht sein.
Denn Maestro Fulci wollte sich im Jahr 1972 offenbar nicht einreihen in die Riege der Regisseure, die lediglich Adaptionen der stilistischen Vorlagen von Dario Argentos Genrefilmen ablieferten.
Er wendete sich ab von den Metropolen-Schauplätzen, der geschniegelten High Society, von schönen Frauen, die mit Rasiermessern aufgeschlitzt werden und drehte seinen dritten Giallo in der italienischen Provinz.

Die Rahmenhandlung


In "Non si sevizia un paperino" geht es ein bisschen bedächtiger zu als man es von den archetypischen Genrefilmen gemeinhin gewohnt ist.
Die Ermittlungen der Polizei und des aus Norditalien angereisten Reporters Andrea Martelli (Tomas Milian) führen immer wieder in rationale Sackgassen.
Ein minderbegabter Mann, die von der Dorfgemeinschaft geächtete Hexe Maciara (großartig: Florinda Bolkan) und eine junge Dame aus Mailand (Barbara Bouchet in einer provokanten Rolle), die ihre "Ferien" im Ort verbringt, verhalten sich verdächtig.
Doch auch der in schwarzer Magie bewanderte Einsiedler in seiner Berghütte, von allen nur Onkel Francesco genannt, erscheint suspekt.
Schlussendlich könnte es aber jeder x-beliebige Dörfler gewesen sein. (Eingefleischte Giallo-Fans wissen das natürlich genau!)

Besonders die Ereignisse rund um Maciara werden genaustens beleuchtet. Die Frau, die als Hexe gilt und um die viele Gerüchte ranken, fühlt sich offensichtlich von den Kindern, die sich immer wieder in der Nähe des Grabs ihres Babys herumtreiben, belästigt und malträtiert Voodoo-Puppen.
Jedes Mal wird kurze Zeit später ein Junge aus der Dorf aufgefunden. Todesursache: Strangulation. Ist die wirre Frau tatsächlich brutal genug, einen Mord mit ihren bloßen Händen zu verüben?
Maciara wird von der Polizei festgenommen und legt ein Geständnis ab. Doch dieses fällt anders aus als erwartet und verblüfft die Beamten. Sie ist nämlich der wahnwitzigen Überzeugung, dass sie die Kinder durch ihren Zauber getötet hat.
Einer der alteingesessenen Dorfpolizisten, der bestens mit den archaischen Riten und dem Irrglauben seiner Mitmenschen vertraut ist, versucht noch halbherzig, die Freilassung der "Hexe" zu verhindern. 
Als Maciara am hellichten Tag entlassen wird und durch die gespenstisch wirkenden beinahe leeren Gassen läuft, schlägt ihr unverhohlene Verachtung und abgrundtiefer Hass entgegen.
Ihr unvermeidliches Schicksal erfüllt sich.
Die darauffolgende Szene auf dem verwahrlosten Friedhof, auf den sich die verwirrte Frau zu retten versucht, gehört zu einer der brutalsten und verstörendsten, die je in einem Film dieser Art zu sehen war. Zugleich deutet sie an, wofür Fulci  ab dem Jahr 1979 (damals mit "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies") berühmt werden sollte.

Die Schauspielerriege


Obwohl Tomas Milian ("Der Berserker", "Der Todesengel") und Barbara Bouchet ("Milano Kaliber 9") begabte, optisch ansprechende und im italienischen Kino populäre Darsteller waren, erhielten sie verhältnismäßig wenig Screen-Time.
Einerseits ist die Handlung etwas komplex und es besteht die Notwendigkeit, viele verschiedene Charaktere zu beleuchten. Andererseits liegt es vermutlich auch daran, dass keiner der im Film vorkommenden ProtagonistInnen besonders sympathisch erscheinen soll.
Nicht einmal die Kinder wirken nett und schon gar nicht unschuldig. Im Gegenteil. Sie quälen Tiere, rauchen, spannen und schikanieren vergnüglich die ohnehin schon unglückseligen Außenseiter des Dorfes.
Die perfekt gecasteten erwachsenen Dörfler erscheinen aufgrund ihres rohen äußeren Erscheinungsbilds ebenfalls authentisch. Ihre Handlungen sind offensichtlich geprägt von ihrem verschrobenen, rückständigen Weltbild und den darin zugrunde liegenden Wertvorstellungen. Die Charakterzeichnung dieser Menschen ist schonungslos nahe an der (vorstellbaren) Realität angesiedelt.
Weitere darstellerische Bonuspunkte gewinnt "Non si sevizia un paperino" durch eine intensiv spielende Florinda Bolkan ("Una lucertola con la pelle di donna", "Spuren auf dem Mond"), eine wie immer charismatische Irene Papas ("Deadly Trap") und einen sich gut in seine Rolle einfügenden Marc Porel ("Die sieben schwarzen Noten", "Eiskalte Typen auf heißen Öfen).


Homo homini lupus.


Im Gegensatz zu vielen Gialli, die das Leben von (Geld-)Adeligen bzw. der High Society abbilden, verlagerte Lucio Fulci den Schauplatz seines Films in eine fiktive süditalienische Gemeinde, die nicht nur durch ihre geographische Lage abgeschieden vom Rest der modernen Zivilisation zu sein scheint.
Auch die Weltanschauungen und der trotz des katholischen Glaubens unter der Bevölkerung verbreitete Aberglaube grenzen die Bewohner des kleinen Orts vom nördlichen Italien ab.
Fulci zeichnet in "Non si sevizia un paperino" auf eindringliche Art und Weise ein misanthropes und nihilistisches Bild einer in sich geschlossenen Gesellschaft. Aus dieser Perspektive rührt ein beachtlicher Teil der morbiden Faszination, die der Film verströmt.
Der gialloeske Plot um die Suche nach dem Killer tritt zugunsten der Gesellschaftsanalyse und der dargestellten psychologischen Dynamik im Dorf in den Hintergrund.
Fulci, der an der Entstehung des Drehbuchs beteiligt war (wenn man den Credits Glauben schenken darf), analysiert messerscharf, was Vorurteile, Aberglauben und (katholische) Moralvorstellungen in der Lage sind anzurichten.
Was Menschen im Namen von Gerechtigkeit und im Glauben, das Richtige zu tun, imstande sind, anderen an physischer und psychischer Gewalt zuzufügen. Wie schnell jemand zum Sündenbock wird und wie grausam und menschenverachtend mit Individuen, die am Rande der Gesellschaft stehen, umgegangen wird.

Das Vorbild?


Die inhaltliche bzw. thematische Ähnlichkeit zu Brunello Rondis 1963 entstandenen "Il Demonio" erscheint mir frappierend.
In beiden Geschichten geht es um eine psychisch instabile Außenseiterin, sesshaft in einem kleinen süditalienischen Provinznest, in dem die BewohnerInnen trotz Christianisierung an diversen abergläubischen Riten und Überzeugungen festhalten.
In beiden Fällen gilt die Hauptprotagonistin als Hexe und wird von der Dorfgemeinschaft verstoßen. Und sowohl Maciara als auch Puri praktizieren schwarze Magie und glauben fest an deren Wirksamkeit.
Beide Frauen erleiden ein tragisches Schicksal.
"Non si sevizia un paperino" wurde sogar in der selben Gegend, an den selben Orten, wie "Il Demonio" gedreht. Ich vermute, dass Rondis grandioser, für die damalige Zeit provokanter und bahnbrechender Film eine wichtige Inspirationsquelle für Fulci gewesen sein muss.

Fulci, der Provokateur


Wie bereits anlässlich des Erscheinens von Fulcis "Una lucertola con la pelle di donna" (1971) verschaffte "Non si sevizia un paperino" (1972) dem exzentrischen Regie-Talent wieder einmal das zweifelhafte Vergnügen, vor Gericht erscheinen zu müssen und dem Kadi Rede und Antwort zu stehen.
Während im Jahr zuvor noch der Verdacht der Tierquälerei (die realistisch aussehende "Hunde-Szene" in "Una lucertola...") Anlass zu einer offiziellen Untersuchung gab, war der Verdacht dieses Mal deutlich pikanter und schwerwiegender.
Die Szene, in der Patrizia nackt in ihrer Wohnung sitzt und einen kleinen Jungen sexuell zu reizen bzw. vielleicht auch zu verführen versucht, war nämlich der Stein des Anstoßes. Der Regisseur musste erklären, auf welche Weise diese Szene zustande gekommen ist und ob das Kind tatsächlich vor der splitternackten Schauspielerin stehen musste (was offenbar nicht der Fall war).

Das Fazit


Lucio Fulci ergänzt in seinem dritten Giallo bekannte und bewährte Elemente des Genres durch Tabuthemen sowie einen sozial- bzw. gesellschaftskritischem Subtext und setzt die Geschichte in einer schonungslosen visuellen Radikalität um.
"Non si sevizia un paperino" ist ein Ausnahme-Giallo, der eine Atmosphäre der Trostlosigkeit und Feindseligkeit kreiert wie nur wenige Exemplare dieser Filmgattung.


Einen Bildvergleich der Locations aus dem Jahr 1972 und 2015 gibt es hier.




Foto: DVD von Anchor Bay und Shameless




Foto: OST auf Vinyl










Samstag, 7. Februar 2015

E DIO DISSE A CAINO... (1970)














SATAN DER RACHE
Deutschland, Italien 1970
Regie: Antonio Margheriti
DarstellerInnen: Klaus Kinski, Peter Carsten, Marcella Michelangeli, Guido Lollobrigida, Luciano Pigozzi, María Luisa Sala u.a.


Inhalt:
Der ehemalige General Gary Hamilton, der als vermeintlich Verantwortlicher für einen schweren Raubüberfall 10 Jahre seines Lebens Zwangsarbeit im Steinbruch leistet, wird eines Tages überraschenderweise aufgrund einer Amnestie entlassen. Ausgerüstet mit einem Gewehr und seinem Racheplan, den er eine ganze Dekade lang akribisch geschmiedet hat, macht er sich sogleich auf den Weg.
Hamiltons Ziel ist Vergeltung zu üben für seine Zeit im Steinbruch, die er seinem ehemals besten Freund Acombar (und dessen Helfer) verdankt.
Sein "Freund" hat ihm nicht nur seine geliebte Maria weggenommen, sondern ihm auch noch einen Raubüberfall angehängt. Zuvor trifft er auf den ahnungslosen Sohn von Acombar, der ganz unbedarft seinem Vater die Botschaft überbringt, dass Gary Hamilton wieder da sei und dass er seinen alten Freund Acombar besuchen werde.
Schon bald verdunkelt sich der Himmel wegen eines aufziehendes Tornados und Gary reitet -zu Allem entschlossen- in Richtung Acombars Ländereien...


Gary Hamilton sinnt auf Rache


Acombar hat nichts mehr zu lachen


"Satan der Rache" ist ein Italowestern, der nicht nur zu den zwanzig Besten des Genres zählt, sondern sich auch stark abhebt von anderen Filmen dieser Art.
Der gesamte Handlungsablauf konzentriert sich mehr oder weniger auf eine einzige Nacht, in der ein starker Sturm durch die Landschaft wütet. Und es scheint fast so, als ginge es in dem kleinen Dorf, dessen Einwohner Acombar unterdrückt und ausbeutet, nicht mit rechten Dingen zu.

"Sagen Sie ihm, dass Gary Hamilton zurück ist. Schönen Gruß und ich besuch ihn heute Abend."

Hamilton zu Acombars Sohn

Acombar, der seit der Ankündigung von Hamiltons "Besuch" etwas blass und nervös geworden zu sein scheint, sitzt mit versteinerter Miene in Gesellschaft seiner Frau und seines Sohns bei seinem letzten Abendmahl, während draußen der Wind und die Gewehrkugeln um die Häuser pfeifen.

"Der Tornado wird mein Freund sein."

Gary Hamilton

Der Tornado und der Rächer ergänzen sich einfach perfekt.
Fenster werden wie von Geisterhand aufgerissen, die Kirchenglocke läutet unentwegt und zerrt mit ihrem Gebimmel an dem ohnehin schon strapazierten Nervenkostüm von Acombar und seinen Männern.
Die gesamte Atmosphäre hat etwas Gespenstisches, um nicht zu sagen Apokalyptisches, an sich.
Der Sturm verdunkelt das gesamte Szenario ebenso wie die Anwesenheit Hamiltons die Gemüter seiner Widersacher.
Dadurch, dass der Rächer sich vor den zahlenmäßig überlegenen Schergen Acombars in der Dunkelheit verbirgt und aus dem Hinterhalt zuschlägt, ist die Atmosphäre umso beklemmender.
Einer von ihnen, der nicht mehr lange zu leben hat, wagt sogar laut auszusprechen, was viele der Anwesenden denken:

"Hamilton ist kein Mensch mehr. Er ist der Teufel."


Dieses Zitat war verantwortlich für den deutschen Titel "Satan der Rache". Der Originaltitel "E dio disse a Caino" (And God said to Cain) erklärt sich am Ende des Films durch ein Bibelzitat, in dem Gott Kain für den Mord an seinem Bruder rügt und verflucht.
Der Regisseur Antonio Margheriti, ein Meister in Sachen Gotik-Grusel-Atmosphäre (ua. "Das Schloss des Grauens" und "La danza macabra"), hat mit "Satan der Rache" einen mehr als außergewöhnlichen Italowestern geschaffen. Die düsteren Bilder werden hervorragend von einem stimmungsvollen Soundtrack mit Ohrwurmqualität untermalt.

Aber nicht nur bei der Inszenierung von ästhetischer Schauer-Atmosphäre, sondern auch bei der Selektion der DarstellerInnen, besonders der des Hauptprotagonisten, hat Margheriti exzellenten Geschmack bewiesen.
Niemand Geringerer als der mit ebenso viel Talent wie Irrsinn ausgestattete Klaus Kinski spielt den Part des wortkargen Rächers Gary Hamilton.
Zu behaupten, Kinski hätte eine Rolle g e s p i e l t, ist eigentlich eine maßlose Untertreibung - er hat sie g e l e b t.
Es scheint, als wäre jede Faser seines Körpers von den Gedanken und Gefühlen Gary Hamiltons beseelt.
Mit an Intensität kaum zu überbietender Mimik und eiskalten hasserfüllten Blicken wandelt Kinski die gesamte Laufzeit im Halbdunkeln umher und verbreitet Angst und Schrecken unter seinen Opfern in spe.
Oft ist nur ein Teil seines Gesichts beleuchtet und in einigen Szenen ausschließlich seine stechenden blauen Augen, die im Halbdunkeln diabolisch zu glühen scheinen.
Wenn man den Film kennt, weiß man: Kinski ist/war der perfekte hasserfüllte Rächer.

"Satan der Rache" ist wie viele Filme, in denen "Rache" als zentrales Motiv vorkommt, nicht unumstritten.
So wurde er im "Lexikon des internationalen Films" als "Rüder Italowestern voller Klischees " klassifiziert, von Fans aber gerade aufgrund der nihilistischen Story und der düsteren Atmosphäre sehr gelobt.
Wer den zweiten Teil des vorangegangenen Satzes favorisiert und einen zeitlosen, spannenden Italowestern mit dem unübertroffenen Klaus Kinski sehen möchte, der sollte sich so schnell wie möglich "Satan der Rache" kaufen!




Foto: DVD von e-m-s mit Schuber




Foto: Soundtrack