Sonntag, 30. November 2014

CHI L'HA VISTA MORIRE? (1972)














THE CHILD – DIE STADT WIRD ZUM ALPTRAUM
Italien 1972
Regie: Aldo Lado
DarstellerInnen: George Lazenby, Anita Strindberg, Peter Chatel, Adolfo Celi, Nicoletta Elmi, José Quaglio, Alessandro Haber u.a.


Inhalt:
Ein rothaariges Mädchen wird in Frankreich ermordet. Sein Kindermädchen kommt gerade noch rechtzeitig, um einer schwarz gekleideten Gestalt mit Trauerflor vor dem Gesicht am Tatort zu begegnen. Das Verbrechen wird nie aufgeklärt, die Akte geschlossen.
Ein paar Jahre später.
Franco freut sich über den Besuch seiner Tochter Roberta (ebenfalls rothaarig), die mit ihrer Mutter Elizabeth in London lebt. Er hat sich in Venedig als Künstler niedergelassen und in gewissen Kreisen auch etabliert.
Leider währt die Wiedersehensfreude nur kurz – Roberta verschwindet (währenddessen er sich mit einer Geliebten vergnügt) spurlos. Auch in ihrer Nähe wurde eine ominöse, schwarz gewandete Person gesehen. Am nächsten Morgen treibt Robertas Leiche im Canal Grande. Elizabeth und George kommen sich durch die gemeinsame Trauer wieder näher, aber George kann nicht loslassen und sucht unablässig nach dem Mörder seiner Tochter...


Bezaubernd: Roberta


Hobby: auf Tauben schießen. Ein Venezianer.


"The Child – Die Stadt wird zum Alptraum" ist nach seinem fulminanten Erstling "Malastrana" der zweite Film des gebürtigen Venezianers Aldo Lado. In Interviews berichtet der Regisseur gerne, wie sehr er sich gefreut hat, einen Film in den Gefilden seiner Kindheit drehen zu können.
Eindeutig profitiert "The Child" von seinen Insider-Kenntnissen über sehenswerte venezianische Gemäuer. Lado hat für Schlüsselszenen bewusst Plätze und Gassen, die etwas weniger touristisch okkupiert sind, gewählt.
Gedreht wurde der Giallo im Spätherbst des Jahres 1972, also zu einer Jahreszeit, in der man die berühmte Lagunenstadt des Öfteren in Nebel getaucht sieht.

"Chi l'ha vista morire?"

aus einem Kinderlied ("Wer hat sie sterben gesehen?")

In erster Linie lebt der Film von der unheimlichen nebelverhangenen Atmosphäre Venedigs, gekonnt intensiviert von einem Ennio Morricone-Score. Selten hören sich Kindergesänge so unheimlich und traurig, doch gleichzeitig irritierenderweise einnehmend und einlullend an wie in dieser Komposition des Maestros.

Die äußert begabte Kinderdarstellerin Nicoletta Elmi (Roberta), die in Filmen wie beispielsweise "Baron Blood" oder "Il medaglione insanguinato"  Rollen finsterer Natur innehatte, spielt in "The Child" zur Abwechslung ein halbwegs fröhliches, kindliches Mädchen.
Dennoch wirkt sie in vielen Szenen etwas in sich gekehrt und nachdenklich. Fast, als ob sie ihr grausames Schicksal bereits ahnt. Die Bedrohung rückt auch für das Auge des Zuschauers und der Zuschauerin immer näher, wird aber (vorerst noch) im letzten Moment durch Auftauchen anderer Personen abgewendet.

Das Drehbuchkonstrukt ist vergleichbar mit dem des später entstandenen Venedig-Giallos "Blutiger Schatten", sprich: es gibt so einige hübsche fette rote Heringe, die zum Miträtseln einladen.
Beinahe alle ProtagonistInnen verhalten sich auf die ein oder andere Art suspekt, wenn sie auf Roberta treffen. Alle sind von dem Mädchen und seinem herzlichen naiv-verspielten Gemüt verzaubert, die Blicke und Hände der Erwachsenen ruhen etwas länger auf ihr als nötig und sie bekommt überall viel Aufmerksamkeit.
Der Kreis der Verdächtigen setzt sich zusammen aus im Giallo-Genre populären Stereotypen – da wären der herrschsüchtige, undurchsichtige Kunsthändler und Kaufmann Serafian (großartig: Adolfo Celi, "Yankee"), der angeblich pädophile Rechtsanwalt namens Bonaiuti (José Quaglio, ebenfalls dubios in "Malastrana"), der Reporter (und Freund von George), der fast schon obligatorische Priester und ein paar andere Nebencharaktere, die prinzipiell auch nicht als Täter ausgeschlossen werden können.

Mittendrin taumelt der von seinen Schuldgefühlen getriebene Vater auf der Suche nach dem Mörder (der drahtige George Lazenby aka James Bond in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät") von einem fragwürdigen Zeitgenossen zum nächsten. Apropos Gefühle: die ganz großen Gefühle wie Trauer, Verzweiflung oder Liebe werden eher verhalten dargestellt und es fällt auf, dass vermeintlich hoch emotionale Szenen entweder ganz ausgespart oder frühzeitig durch einen Schnitt unterbrochen werden. Dies verhindert zwar ein unnötiges Abdriften in die depressiven Untiefen eines Dramas. Dafür büßt die Geschichte dezent an Authentizität ein.
Auch die Mutter des verstorbenen Kindes (Anita Strindberg, "Una lucertola con la pelle di donna") macht angesichts der großen Tragödie einen erstaunlich gefassten und vernünftigen Eindruck.

Das Hauptaugenmerk richtete Aldo Lado auf die Krimi-Elemente und die Frage nach dem Täter und seinem Motiv für das abscheuliche Verbrechen.
Die Kamera filmt immer wieder aus der Ego-Perspektive des Mörders (der Mörderin?), aber auch aus der Sicht von Roberta. Durch das für uns ZuschauerInnen mithilfe dieses Stilmittels eingeschränkte Blickfeld wird die Spannung und das beklemmende Gefühl von Bedrohung zusätzlich intensiviert.

"The Child" ist ein visuelles und atmosphärisches Meisterwerk mit einem Venedig, das von Schleiern des Nebels verdunkelt und von Spuren des Verfalls gezeichnet ist.
Die alptraumhafte Atmosphäre der Handlung ist, ähnlich wie im zeitlich später entstandenen "Wenn die Gondeln Trauer tragen", durch eine düstere Symbiose mit dem morbiden Drehort verbunden.
Lado erläutert im Bonusmaterial, welche Ängste und Traumata er aus seiner Kindheit in sein Werk eingebaut hat. Dieses Bestreben war eindeutig von Erfolg gekrönt. Sogar die hektischen Flügelschläge der Tauben auf dem Markusplatz werden gekonnt als Stilmittel eingesetzt und erzeugen eine verstörende Beklemmung.
Aldo Lado transportiert durch seine Aufnahmen, Kameraführung und Schnitt ein durchgängig unbehagliches Gefühl, das nicht zuletzt durch Morricones Musik vertieft wird.

Ich habe diesen Film schon unzählige Male gesehen. Und ich lasse mich immer wieder gerne von dem eigenartigen Zauber der geschichtsträchtigen Lagunenstadt und ihrer geheimnisvollen BewohnerInnen einfangen – cineastisch und in der Realität.
Wie sieht es mit euch aus?


Einen Bildvergleich der Locations aus dem Jahr 1972 und 2014 gibt es hier.




Foto: Koch Media Giallo Collection Teil 2, Eyecatcher, Shameless und Anchor Bay Giallo Collection


Eine VÖ ist nicht genug

Dienstag, 18. November 2014

SHOCK (1977)














SCHOCK - Transfert - Suspence - Hypnos (ital. Alternativtitel)
Italien 1977
Regie: Mario Bava
DarstellerInnen: Daria Nicolodi, John Steiner, David Colin Jr., Ivan Rassimov, Nicola Salerno u.a.


Inhalt:
Dora Baldini zieht mit ihrem Gatten Bruno und ihrem Sohn Marco in ein Haus, mit dem für sie keine guten Erinnerungen verbunden sind. Dort hat sie nämlich gelebt, als ihr drogenabhängiger Mann (und zugleich Vater ihres Sohns) sich suizidierte.
Die junge Familie will nichtsdestotrotz einen Neustart wagen. Außerdem findet Bruno, von Beruf Pilot, die Nähe zum Flughafen ungemein praktisch. Da kann man schon mal über die dramatische Vorgeschichte des Domizils und seiner Bewohner hinwegsehen. Oder?


Der Sohnemann führt nichts Gutes im Schilde


Bruno versucht seine Frau zu beruhigen


Der Frieden im Hause Baldini währt natürlich nicht lange. Immerhin haben wir es mit einem Horrorfilm des großen italienischen Regisseurs Mario Bava zu tun. Naja, vielleicht nicht ganz und ausschließlich Mario Bava. Sein mit etwas weniger Talent gesegneter Sohn Lamberto Bava betont gerne in Interviews, dass er einige Szenen selbst drehte, um seinen müden Vater zu unterstützen.
Wie auch immer es wohl tatsächlich am Set zugegangen ist - "Shock" hat bedauernswerterweise nicht die visuelle Qualität und stimmungsvolle Atmosphäre eines "Die toten Augen des Dr. Dracula" oder "Die drei Gesichter der Furcht".
Dem direkten Vergleich mit den genannten Werken hält "Shock" nicht stand. Das will aber nicht heißen, dass er kein guter Film ist. Einige Szenen sind besonders gruselig und erzeugen eine unheimliche Faszination. Gegenstände bewegen sich wie von Geisterhand, Schränke schieben sich vor Türen und eine Kinderschaukel führt ein gespenstisches Eigenleben. Mehrere kreativ inszenierte Kamerafahrten bzw. -einstellungen sowie gespenstische Klaviermusik und die Töne aus einer Spieluhr verdichten sich zu einer finsteren Atmosphäre. Leider wird die leise aufkeimende Schauer-Stimmung immer wieder durch die für meinen Geschmack zu hyperaktive Daria Nicolodi ("Profondo Rosso") unterbrochen.

Die Nicolodi-Show








Nicolodi spielt die Hauptfigur des Films, die am Rande des Wahnsinns stehende Dora, der die neue alte Umgebung ganz offensichtlich am Nervenkostüm rüttelt. Sie sieht ja bereits beim Einzug etwas ausgezehrt aus. Die Verletzungen, die sie sich nacheinander im und rund ums Haus zuzieht, lässt sie zunehmend ramponierter und angeschlagener erscheinen.
Je mehr das Grauen und ihre Visionen zunehmen, umso mehr steigert sich leider auch das grauenvolle over-acting Nicolodis. Dora wirft sich im Freien vor Angst gegen die Hausmauer (anstatt zu fliehen), schüttelt den Kopf in Headbanger-Manier herum, kreischt, jammert und verausgabt sich körperlich. Vielleicht ist die deutsche Synchro nicht ganz unbeteiligt daran, aber die Hysterie Doras strapaziert nicht nur meine Augen, sondern auch meine Ohren.

Der von mir geschätzte Schauspieler John Steiner ("Verdammte, heilige Stadt") verkommt aufgrund der berufsbedingten Brunoschen Abwesenheitszeiten und seines im Vergleich zu seiner Filmpartnerin zurückhaltenderen Schauspiels zu einer etwas blassen Nebenfigur. Leider trifft dies auch auf den charismatischen Ivan Rassimov ("Der Killer von Wien") zu, der in einer kleinen Nebenrolle als Psychiater auftritt.

"Mama! Ich muss dich töten!"

Marco zu seiner Mutter

Der damals sieben Jahre alte David Colin Jr. (Marco) liefert in "Shock" eine ähnlich gediegene Leistung wie in dem drei Jahre zuvor gedrehten amüsanten "Der Exorzist"-Verschnitt "Wer bist du?"
Er wirkt unheimlich, hinterlistig, fies und scheint von einer fremden Macht gelenkt zu werden.
Marco entwickelt eine Aversion gegen seine Mutter, die er offen zur Schau stellt und eine Eifersucht gegen seinen Ziehvater Bruno, die er hinterlistig und versteckt ausagiert.
Von heute auf morgen fällt er negativ auf durch sexualisiertes Verhalten und eigentümliche ritualartige Handlungen wie das Zerschneiden der mütterlichen Unterwäsche, Voodoo-Übungen für Anfänger mit einer Stoffpuppe, das Verwenden nicht kindgerechter Kraftausdrücke ("Mistschweine! Dreckschweine!") et cetera.

Die fortschreitende Entfremdung zwischen Mutter und Sohn, deren Beziehung einst sehr innig war, sowie die Alpträume und übernatürlichen Zwischenfälle im Haus treiben Dora langsam aber beständig in den Wahnsinn.
Träume und Ängste vermischen sich mit der Realität und niemand will Dora glauben und sie ernst nehmen. Spielt sich vielleicht alles nur in ihrem Kopf ab?
Des Rätsels Lösung erfahren wir am gelungenen Ende.

Leider konnten sich die beiden Bavas scheinbar nicht ganz festlegen, wer im Regiestuhl sitzt und leider wollte sich auch niemand eindeutig entscheiden, ob es ein klassischer Spukhaus-Film, ein Giallo oder ein Familiendrama sein soll. Trotz der etwas unausgegorenen grob zusammengeschusterten Genre-Mixtur verfügt der Film als Gesamtpaket über einen nicht zu verleugnenden Unterhaltungswert und glänzt durch besondere Spannungsmomente.
Als Fan des Italo-Kinos der Siebziger kommt man an "Shock" nicht vorbei.
Ich muss der Vollständigkeit halber noch erwähnen, dass er von Einigen gar als "einer der gruseligsten Horrorfilme aller Zeiten" bezeichnet wird. Deshalb solltet ihr euch von meinen Kritikpunkten nicht negativ beeinflussen lassen und einen Blick riskieren.




Foto: DFW-VÖ (aus Holland) und kleine Hartbox von '84



Samstag, 15. November 2014

DARK STAR - HR GIGERS WELT (2014)














Regie: Belinda Sallin
Schweiz 2014
Dokumentarfilm


"Wer vor meinen Bildern Angst hat, hat die Realität nicht begriffen."

Hansruedi Giger (1940 - 2014)


Wenn man sich auch nur annähernd für die Werke HR Gigers interessiert, sollte man diese Dokumentation über einen der größten Künstler unserer Zeit gesehen haben.
Denn sie ist tiefgründig, bewegend, rührend, lustig und aufschlussreich zugleich.
Der große Respekt vor Hansruedi, sowohl als Künstler als auch als Person, macht diesen Film von Belinda Sallin zu etwas Besonderem.
Giger kommt darin nicht nur selbst zu Wort, auch seine WeggefährtInnen (Exfreundinnen, Assistenten und andere Personen), die ihm sein ganzes Leben lang zur Seite standen und ihn bis zu seinem Tod im Mai 2014 unterstützten sowie Experten (Kunstkundige und ein Psychiater) sprechen über den exzentrischen und zugleich bodenständig-sympathischen Gestalter düsterer seelischer Abgründe und Urängste.
Bewusst umschifft die Regisseurin populäre Klischees und verzichtet auf reißerische Negativ - Kommentare.

Man erhält einen Einblick in Gigers Gefühlswelt, sein Privatleben und sein Dasein als Künstler (u.a. Mitwirkung an "Alien", öffentliche Auftritte und Begegnungen mit Fans).
Und wenn seine Bilder die Kinoleinwand zur Gänze ausfüllen, verspürt man unweigerlich große Ehrfurcht vor seiner Genialität und künstlerischen Begabung.


"Die eigene Dunkelheit zu kennen, ist der beste Weg, mit der Dunkelheit anderer umzugehen."

Carl Gustav Jung (Schweizer Psychiater, Begründer der analytischen Psychologie)


Der Visionär HR Giger hat sich Zeit seines Lebens mit dem Unbewussten und Verdrängten, seinen und unseren Alpträumen auseinandergesetzt. Die Themen, die in der aktuellen schnelllebigen Gesellschaft nur allzu bereitwillig verdrängt und verleugnet werden, stehen im Zentrum seines Schaffens. Giger hat es wie kaum ein Anderer verstanden, diese mit einem bisweilen humorvollen und zynischen Unterton an die Oberfläche des Bewusstseins zu heben und die Menschheit damit zu konfrontieren. Die Ästhetik seiner Bilder ist einzigartig.

Mit "Dark Star" ist Belinda Sallin ein feinfühliges, tiefgründiges und optisch ansprechendes Portrait gelungen, dessen Fertigstellung HR Giger selbst leider nicht mehr erlebte, ihm aber ein würdiges Denkmal setzt.
Ich empfehle nach Möglichkeit diese Biographie im Kino anzusehen.
Weitere interessante Infos und Hintergründe siehe:

http://www.darkstar-movie.com/

Mittwoch, 12. November 2014

BUCHTIPP: Berger, Helmut: Ich. Die Autobiographie. Unter Mitarbeit von Holde Heuer














Muss man dieses Buch gelesen haben? Wenn man sich für den einst als "schönsten Mann der Welt" titulierten Helmut Berger interessiert und ihn auch nur dezent sympathisch findet (trotz oder gerade wegen seiner Eskapaden), dann ja.
Wenn man es als Psychografie eines extravaganten Künstlers interpretiert, ist es interessant und aufschlussreich.
Beeindruckend: die schonungslose Ehrlichkeit, mit der er über seine seelischen Abgründe schreibt. Er lässt (vielleicht sogar ohne sich dessen bewusst zu sein) tief blicken.

Der Schreibstil ist eigenwillig, aber amüsant. Neben Hochdeutsch finden sich immer wieder Sätze im Dialekt, die mit "I" beginnen. "I mag mi" beispielsweise. Nach irgendwelchen banalen Sätzen pflegt Berger seine LeserInnenschaft bisweilen mit "Capito?" direkt anzusprechen.
Allerdings scheint entweder die "mitarbeitende" Holde Heuer eine sprachliche Wildsau zu sein oder Bergers von Substanzen in Mitleidenschaft gezogenes Gehirn lässt ihn des Öfteren im Stich. Vielleicht auch eine Mischung aus Beidem.
Auffallend sind Wortkreationen, die es in dieser Form nicht gibt und ein an mehreren Stellen fehlerhaftes Italienisch.
Berger führt beispielsweise an, dass Viscontis Schloss "columbaia" (seine Übersetzung: Möwe) hieß. "Möwe" heißt aber "gabbiano". In Wirklichkeit existiert das Wort "colombo" (Taube) und "colombaia" bedeutet "Taubenschlag". Ein bisschen verwirrend.
"Il bacio della scorpione" müsste korrekterweise "Il bacio dello scorpione" heißen. Ein paar Seiten später verwandelt sich das zuvor korrekte "bacio" in ein "bagio"...
Diese sprachlich mehr oder minder groben Schnitzer bilden keine Ausnahme. Nicht nur im Italienischen, sondern auch im Englischen und Deutschen hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen.
Dies erscheint mir deshalb erwähnenswert, weil Berger paradoxerweise über sämtliche Seiten hinweg wiederholt damit angibt, ein sprachliches Naturtalent (Genie?) zu sein und die erwähnten Sprachen perfekt zu beherrschen...

Lieblingsfehler:
Unter einem Bild Bergers mit der verstorbenen Fürstin von Monaco lautet die Beschreibung "Fürstin Garcia" (statt Gracia).

Thematisch und zeitlich wagt das Autorenduo Berger-Heuer große Sprünge und hält sich mit skurrilen Nebensächlichkeiten auf. Sogar ein paar bergersche Kochrezepte haben Eingang in die Autobiographie gefunden.
Seiner großen Liebe Luchino Visconti hat der Schauspieler viele Seiten gewidmet. Visconti mochte das, Visconti tat jenes, Visconti interessierte sich für und so weiter. Man erhält einen kleinen Einblick in die Beziehung der beiden Männer.
Viele andere prominente Namen fallen im Buch, meist in Zusammenhang mit Parties: Florinda Bolkan, Tomas Milian, Barbara Bouchet, Marisa Mell, Senta Berger, Marisa Berenson, Mick Jagger, Liz Taylor, Richard Burton, Romy Schneider, Jack Nicholson, Ari Onassis und so weiter und so fort.
Man erfährt nicht allzu viel über die genannten Stars, am ehesten vielleicht über Romy Schneider. Meist beschränkt sich Berger auf Andeutungen über Bettgeschichten und Affären mit bzw. zwischen Prominenten.

Schön: das von Berger beigesteuerte private Bildmaterial: Partyfotos, professionelle Fotos, Peinliches, Lustiges, Nettes.
Einige Geschichten aus dem Buch sind bereits hinreichend öffentlich bekannt, andere vermutlich weniger. Sein legendär peinliches Malheur mit dem weißen Anzug auf dem Ball in Monaco wiederholt er ebenso wie einige seiner amourösen Abenteuer in der High Society.

Fazit: Literarisch vielleicht nicht besonders wertvoll, aber trotz scheinbarer Oberflächlichkeit ein interessanter Einblick in eine zerrissene und sensible Künstler-Seele sowie in die Gepflogenheiten des damaligen Jet Sets.
Mir half das Buch, Helmut Berger besser zu verstehen und ich finde ihn nach (trotz?) der Lektüre sogar einen Tick sympathischer als zuvor.
Capito?

Sonntag, 9. November 2014

SOLAMENTE NERO (1978)














BLUTIGER SCHATTEN
SCHATTEN DES TODES (Alternativtitel)
Italien 1978
Regie: Antonio Bido
DarstellerInnen: Lino Capolicchio, Stefania Casini, Craig Hill, Massimo Serato, Juliette Mayniel, Luigi Casellato u.a.


Inhalt:
Der junge Universitätsprofessor Stefano fährt mit dem Zug nach Venedig, um auf der kleinen Insel Murano seinen Bruder Paolo zu besuchen. Dieser weiht ihn sogleich in die gottlosen Umtriebigkeiten der Inselbewohner ein. Besonders moralisch verwerflich: eine Hebamme, ein Arzt und ein exzentrischer Graf suchen angeblich regelmäßig ein Medium auf, um Séancen abzuhalten.
Kurz nach Stefanos Ankunft wird das Medium in einer regnerischen Nacht erwürgt. Don Paolo wird Zeuge des Mordes, kann aber den Täter nicht erkennen.
Fortan fühlt sich der Priester nicht nur verfolgt, sondern erhält auch immer eindeutigere Droh-Botschaften. Diese sind offensichtlich ernst zu nehmen, denn die Morde auf der kleinen Insel mehren sich täglich...


Verdächtig? Sandra (Casini)


Das Medium sitzt hinter ihm - da schaut Paolo grimmig


Als Vorbereitung auf den alljährlichen November-Urlaub in "meinem" Venedig (Erklärung im Venedig-Special) ist "Blutiger Schatten" eine vorzügliche Filmwahl.
Auch wenn man nicht gerade einen Besuch der spätherbstlichen Lagunenstadt plant, sollte man "Blutiger Schatten" zumindest ein Mal über die heimische Leinwand flimmern lassen.
Dieser klassische Giallo steht nämlich, wie Regisseur Antonio Bido selbst betont, ganz in der Tradition von Dario Argento (im Speziellen "Profondo Rosso" und "Suspiria") und Pupi Avati ("Das Haus der lachenden Fenster").

Angefangen vom auffallend ähnlichen Artwork des Filmplakats




zu dem von "Suspiria"



über die "Profondo Rosso" ähnliche Thematik (der zufällig beobachtete Mord an einem Medium, das Gemälde als Schlüssel zum Rätsel), die Wahl der Filmmusik (Bido engagierte die durch Argento zu Ruhm gelangte italienische Band Goblin für die Vertonung der Komposition Stelvio Ciprianis) bis hin zu den Hauptdarstellern.
Lino Capolicchio, der bereits zwei Jahre vorher die Rolle des namensgleichen Protagonisten Stefano in "Das Haus der lachenden Fenster" spielte, betätigt sich wieder als Amateur-Detektiv. Stefania Casini, die als Tanzschülerin in "Suspiria" ihren großen Moment hatte, mimt die Künstlerin Sandra, mit der Stefano eine Romanze verbindet.

Stefano versucht sich als Zugereister, sprich als Außenseiter in einer kleinen eingeschworenen Gesellschaft, in der jeder jeden kennt, zurechtzufinden. Die Inselbewohner sind ihm gegenüber relativ zugeknöpft und begegnen ihm eher misstrauisch als freundlich. Diese spezielle, feindselige Stimmung weckt neuerlich Erinnerungen an "Das Haus der lachenden Fenster".
Die Aufnahmen der nebelverhangenen leeren Plätze, düsteren, schmalen und zugleich pittoresken Gassen Muranos erzeugen unweigerlich eine geheimnisumwitterte Atmosphäre.




In großzügig bemessenen Rationen werden die roten Heringe nach und nach über die gesamte Handlung ausgestreut und miteinander verknotet.
Jede und jeder erscheint in manchen Situationen verdächtig, alle könnten ein Motiv haben.
Sogar der sympathische Stefano selbst erweckt unser Misstrauen mit seinen wiederkehrenden (noch) nicht erklärbaren Flashbacks, kurzen geistigen Absenzen und dem verträumten Blick, mit dem er ein bestimmtes Gemälde mustert. Oder wie er seiner Neo-Bekanntschaft Sandra nachstellt, sie dabei beinahe zu Tode erschreckt und scheinbar naiv vorgibt, er wollte sie überraschen.

Der permanent etwas überspannt wirkende Priester Paolo (großartig: der aus Italowestern bekannte Amerikaner Craig Hill) weiht seinen Bruder gleich zu Beginn in die heidnischen Verstrickungen der seiner Meinung nach teuflischen Séance-TeilnehmerInnen ein. Diese illustre Runde besteht aus einem zwielichtigen Medium, einer Hebamme, die sich nebenbei als Engelmacherin betätigt, einem Arzt und einem exzentrischen Grafen (Massimo Serato, bekannt aus "Wenn die Gondeln Trauer tragen"), dem der Ruf eines Pädophilen anhaftet. Die genannten Charaktere sind doch schon mal per se mehr als verdächtig. Oder?

Paolo selbst zählt selbstredend ebenfalls zu den potentiellen Mördern, allein schon wegen seines Berufs (ein Priester in einem Giallo führt in der Regel nichts Gutes im Schilde) und seinem leichten Hang zur Hysterie wirkt er zuweilen etwas kauzig-absonderlich.
Abgesehen davon stolpert der depressive und dem Alkohol verfallene Signor Andreani (Luigi Casselato aus "Der Todesengel"), dessen Tochter vor vielen Jahren auf ähnliche Weise ermordet wurde wie das Medium, scheinbar ziellos, aber nicht zu verleugnend suspekt von einer Szenerie zur anderen. Auch Gasparre, der Hausmeister des Priesters, wirkt nicht ganz astrein. Und es wäre wohl nicht allzu weit hergeholt, wollte man der Künstlerin Sandra ein Tatmotiv unterstellen...

Sämtliche BewohnerInnen der kleinen Insel-Gemeinde wissen so gut wie alles über den jeweilig anderen und dennoch stehen sie genau so wie die örtliche Polizei den brutalen Verbrechen ohnmächtig gegenüber. Sie scheinen nicht in der Lage zu sein, die Morde aufzuklären. Oder scheuen sie sich etwa vor der Wahrheit? Jedenfalls benötigen sie augenscheinlich Hilfe von Außen in Form des engagierten Stefanos.

Mit einer gewissen Giallo-Erfahrung ausgestattete Menschen erkennen vermutlich, dass sie hier einen Film vor sich haben, bei dem eigenes Mitraten und -rätseln nur bedingt zielführend, aber natürlich ungemein lustig ist. Wer dabei den Faden verliert, kann sich aber getrost von den Bildern und der Stimmung treiben lassen ohne wichtige Hinweise zur Aufklärung der Mordserie zu verpassen.
Letztere erhalten wir zum traditionellen gialloesken Ende in Form eines gefühlt ewig langen und verwirrenden Monologs.
Bei meiner ersten visuellen Begegnung mit "Blutiger Schatten" war ich dezent frustriert, weil ich glaubte, die Auflösung nicht verstanden zu haben.
Mittlerweile habe ich gelernt zu akzeptieren, dass (wie in so manch anderem Film im Giallo-Genre) die ein oder andere Frage einfach unbeantwortet und vereinzelte Szenen unaufgeklärt bleiben.
Legt man seinen Fokus auf Atmosphäre, Spannung und Unterhaltung erscheint eine rationale und bodenständige Erklärung für die Mordserie eher zweitrangig. Zumindest in meinem persönlichen Film-Universum.

Lieblingszitat (Dialog zwischen leicht unmotivierten Polizisten)
"Der Kommissar sagt, wir sollen patrouillieren."
"Der sitzt auf seinem fetten Arsch und wir kurven in der Gegend rum!"

"Blutiger Schatten" kann sich mit den bereits genannten filmischen Vorbildern zwar nicht direkt messen, bietet aber ausreichend denkwürdige Szenen und hinreißende Skurrilitäten (beispielhaft: der versteckte geisteskranke Sohn und das grausame Malträtieren der wehrlosen Miriam, einer Puppe), die auch beim wiederholten Genuss noch für exzellente Unterhaltung sorgen.
Für Venedig-Fans ein Pflicht-Kauf.


Kultig: Das VHS Cover

Foto (von unten nach oben): X-Rated Erstauflage, X-Rated Neuauflage, Anchor Bay Giallo Box




Foto: Mediabook von X-Rated


Sonntag, 2. November 2014

PAURA NELLA CITTA' DEI MORTI VIVENTI (1980)














EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL
Italien 1980
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Christopher George, Catriona MacColl, Carlo de Mejo, Antonella Interlenghi, Giovanni Lombardo Radice, Venantino Venantini, Luca Venantini, Michele Soavi, Luciano Rossi, Janet Agren u.a.


Inhalt:
Die arme Mary Woodhouse hat während einer Seance nicht nur eine gruselige Vision von einem erhängten Priester, sondern fällt direkt aus ihrer Trance auch noch in eine Art Koma. Sie wird für tot gehalten, begraben und zum Glück vom neugierigen Reporter Peter Bell gerettet.
Gemeinsam wollen sie den Untergang der Welt aufhalten. Denn der Priester hat mit seinem Suizid die Pforten zur Hölle geöffnet und an Allerheiligen sollen die Untoten aus ihren Gräbern strömen.
Der Weg der beiden führt in das kleine Dorf Dunwich, das angeblich auf den Grundmauern der Hexenstadt Salem erbaut worden sein soll.
Dort treffen sie auf den Psychoanalytiker Gerry und seine Klientin Sandra, die bereits Bekanntschaft mit den ersten Zombies gemacht haben. Mit vereinten Kräften versuchen sie nun, der Lage in Dunwich Herr zu werden.
Doch gibt es tatsächlich eine Chance, das Ende der Welt aufzuhalten?


Wiederauferstanden - Mary (MacColl)


Vom Schicksal gebeutelt: John-John (L. Venantini)


Über Lucio Fulci und seine Filme muss ich an dieser Stelle wohl nicht viele Worte verlieren.
LiebhaberInnen der Werke des umstrittenen Regisseurs werden seine genialen Gialli, seine hervorragenden Western, seine radikalen Horrorfilme und wahrscheinlich sogar seine Trash-Granaten bekannt sein.
Fulci hat schon immer stark polarisiert, er wird auch heute noch entweder geliebt oder gehasst.
Seinen Bekanntheitsgrad im deutschsprachigen Raum hat er nicht nur seinen Splatter-Filmen, sondern vor allem dem Umgang mit seinen Werken zu verdanken. Diese wurden nämlich nicht nur indiziert und beschlagnahmt, sondern auch in der Öffentlichkeit verteufelt (siehe auch im TV-Bericht "Mama, Papa, Zombie").

"Ein Zombie hing am Glockenseil" ist der erste Teil der sogenannten "Gates of Hell-Trilogie". Im Jahr 1981 folgten schließlich "Über dem Jenseits" und "Das Haus an der Friedhofmauer".
Fulci hat bei diesen Filmen Anleihen aus der Lovecraft-Mythologie frech und unkonventionell mit Splattereinlagen aufgepeppt und jedem der drei Werke eine ganz besondere Atmosphäre verliehen.

"Ein Zombie..." kommt ohne lange Umschweife gleich direkt zur Sache. Die erste Sequenz des Films zeigt die Séance, bei der Mary (beinahe) zu Grunde geht, jedenfalls auf dem Boden landet und nicht mehr aufsteht. Vorerst zumindest.
Ganz konsequent hält der Film seine bedrohliche Atmosphäre aufrecht. Es gibt keine langatmig erzählten Nebenhandlungen und nur wenige Tageslichtszenen – und wenn dann sind diese entweder vernebelt oder es werden darin unheilschwangere verbale Prophezeiungen à la "I saw a priest, who by hanging himself, opened the gates of hell." zum Besten gegeben.
Und wenn man denkt, jetzt sitzen ein paar Erwachsene halbwegs gemütlich beisammen (durchatmen!), reißt wie von Geisterhand geführt plötzlich ein Fenster auf und es werden (laut deutscher Synchro) "Leichen-Würmer" herein geweht, die den ProtagonistInnen ins Gesicht klatschen und sich in ihren Haaren einnisten.
In "Ein Zombie hing am Glockenseil" geht wahrlich die Post ab.
Zombies quetschen mit Vorliebe Gehirne aus den Hinterköpfen ihrer Opfer, der psychisch gestörte Bob (Giovanni Lombardo Radice) wird mithilfe einer Bohrmaschine massakriert und eine junge Dame kotzt sich on-screen ihre eigenen Gedärme auf den Schoß.
Trotz über die Jahre hinweg wiederholter Sichtung des Films verfehlen bei mir die Gore-Szenen ihre Wirkung nie und die Grundstimmung von "Ein Zombie hing am Glockenseil" fesselt und fasziniert mich jedes Mal auf's Neue.

Die Zombies, die im klassischen Sinn gar keine sind, zumindest augenscheinlich keine Untoten mit besonders großem Appetit auf Menschenfleisch, sehen mit ihren eitrig-blutig-glitschigen Gesichtern wirklich zum Fürchten aus.
Maskenbildner Gino de Rossi, der sein Talent für Splatter-Effekte mit besonders hohem Ekelfaktor bereits in "Woodoo" unter Beweis stellte, hat SFX von unvergleichlichem Charme kreiert, die auch nach beinahe 35 Jahren noch prächtig funktionieren.

Wie befreit man eine lebendig begrabene Frau aus ihrem Sarg?
- Willst du ein wahrer Held sein, tu es mit einer Spitzhacke!


Die Handlung ist nicht nur düster und unheilvoll. Einige Szenen sind trotz effektvoller Inszenierung nämlich auch zum Schmunzeln. Legendär, auf welche Art Peter die arme Mary aus dem Sarg rettet: wie ein wild gewordener Berserker schlägt er mit der Spitzhacke voller Wucht auf den Sargdeckel und verfehlt dabei mehrfach Marys Kopf nur um Haaresbreite. Es hätte zweifelsohne auch eine sanftere Methode für seine Rettungsaktion gegeben. Allerdings wäre diese bestimmt nicht so bemerkenswert und einprägsam gewesen.
Auch Father Thomas hängt diversen Menschen im wahrsten Sinne des Wortes an unterschiedlichen Schauplätzen vor der Nase rum und verschwindet dann sang- und klanglos ebenso plötzlich, wie er aufgetaucht ist.
Ebenfalls ein Beispiel für die dem Film eigene kuriose und kultige Mischung zwischen Grusel- und Schmunzel-Atmosphäre.

In den Hauptrollen sehen wir den amerikanischen Serien-Darsteller Christopher George als schmierig-sympathischen Reporter Peter Bell und die (bis auf ihre etwas gelblichen Zähne) hübsche Catriona MacColl als Mary, das Mädchen mit der geheimnisvollen Aura und dem Hang zu Übernatürlichem.
Carlo de Mejo ("Astaron – Brut des Schreckens"), verkörpert wohl Fulcis Vorstellung eines Psychoanalytikers, wenn er vollbärtig im pastellfarbenen Strickjäckchen herumläuft und ein besonders enges Verhältnis zu seinen Klientinnen, zumindest zur neurotischen Künstlerin Sandra (Janet Agren), hat.
Überhaupt ist die Auswahl der DarstellerInen eine wahre Freude – neben dem immer etwas irre wirkenden Giovanni Lombardo Radice (auch cool in "Asphalt-Kannibalen") sehen wir den italienischen Kultregisseur Michele Soavi (Regisseur von "Dellamorte Dellamore"), den kultigen Nebendarsteller Luciano Rossi ("Death walks at midnight" - Hans Krutzer forever!) als Polizisten und Fabrizio Jovine ("Goodbye und Amen", "Das Syndikat des Grauens") in der Rolle des Father Thomas.
Der italienische Schauspieler Venantino Venantini ("Bandidos") verschafft uns in "Ein Zombie hing am Glockenseil" einen, sagen wir mal besonders denkwürdigen Moment und brachte seinen Sohn Luca (damals 10-jährig) mit ans Filmset, der den herzigen, aber erbärmlich verängstigten John-John mimte. Der Kleine kann einem ziemlich leid tun, wie er so von einer traumatisierenden Situation zur nächsten stolpert. Im Gegensatz zum fischmündigen Kinderdarsteller in "Das Haus an der Friedhofmauer", bei dem ich mir in der berühmten Axt-Szene ein schadenfrohes Lächeln nun wirklich nie verkneifen kann, entfacht der niedliche John-John mein Mitgefühl.

Eines der absoluten Highlights und das berühmte "i-Tüpfelchen", das den morbiden und apokalyptischen Tenor des Films ungemein verstärkt, ist zweifelsohne der Soundtrack von Fabio Frizzi. Das tickende Metronomgeräusch, die Synthie-Kläge und die Choral-artigen Gesänge hallen auch nach dem Abspann irgendwo in den Windungen zwischen Ohren und Gehirn noch nach.
Genauso wie die eigenartige Schluss-Szene, die in der letzten Sekunde ein vermeintliches Happy-End ordentlich versaut.

"Ich schmeiss mich mal schnell in den Wagen!"

Therapeut mit Helfersyndrom zu seiner Klientin am Telefon

Ich sehe "Ein Zombie hing am Glockenseil" grundsätzlich in englischer Sprache an.
Die deutsche Synchronisation ist toll und ich möchte sie wirklich nicht missen. Sie verleiht dem Film einen herrlich derben Charme und ich sehe sie als ein unverzichtbares zeitgeschichtliches Dokument.
Dennoch empfehle ich eindringlich, den Film zumindest ein einziges Mal in OT anzusehen, da er so wesentlich ernsthafter und düsterer wirkt.

"Ein Zombie hing am Glockenseil" ist ein Film, der für mich in erster Linie auf der emotionalen und unbewussten (psychologischen) Ebene durch seine Bilder und durch die Filmmusik funktioniert. Über die rationale Ebene kann man in der Tat streiten, nachzulesen überall im World Wide Web...

Gibt es einen perfekteren Tag für den Genuss Lucio Fulcis apokalyptischen Nachtmahrs als Allerheiligen?
Ich glaube nicht!




Foto: Astro, Laser Paradise, NoShame IT, XT, Blue Underground, XT Media Book


Echte Fanatiker müssen sie alle haben!

Foto: "Creepy Images" Ausgabe mit dem deutschen Foto-Aushangsatz




Foto: Soundtrack



als Zugabe mit dem OST von
"Das Leichenhaus der lebenden Toten"

Plattencover