Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Sonntag, 28. September 2014

LIBERI ARMATI PERICOLOSI (1976)














BEWAFFNET UND GEFÄHRLICH
Italien 1976
Regie: Romolo Guerrieri
DarstellerInnen: Tomas Milian, Eleonora Giorgi, Stefano Patrizi, Benjamin Lev, Max Delys, Venantino Venantini, Salvatore Billa, Peter Berling u.a.


Inhalt:
Lea bittet den Mailänder Polizei-Kommissar inbrünstig, ihren Freund Luis von der großen Dummheit, mit seinen Kollegen eine Tankstelle zu überfallen, abzuhalten.
Nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Aussage der jungen Frau postieren sich unter Anleitung des Kommissars mehrere Beamte am Tatort und warten auf das Verbrecher-Trio. Die Annahme, dass die Bande lediglich mit Spielzeugpistolen bewaffnet ist, entpuppt sich als großer Fehler.
Vier Männer werden ermordet, die Verbrecher fliehen und ziehen in den folgenden Tagen eine Spur von Gewalt und Terror durch Mailand. Doch die Polizei ist ihnen dicht auf den Fersen...


Der Kommissar (Milian) und Lea


risikofreudige Fahrt durch Mailand


Regisseur Romolo Guerrieri (mit bürgerlichem Namen Romolo Girolami und im Übrigen Bruder von Marino Girolami und Onkel von Enzo Castellari) gelang es mit "Bewaffnet und gefährlich" einen inhaltlich interessanten und zugleich soziologisch brisanten Poliziottesco zu drehen.
Denn "Bewaffnet und gefährlich" beschäftigt sich ebenso wie ein paar wenige andere Genrefilme mit der Thematik des Thrill Kill, sprich: mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die nicht aus der sozialen Unterschicht kommen und ohne klar nachvollziehbare Motive morden. (Ein kleiner Exkurs dazu siehe unter "Fango Bollente")

Das Drehbuch zum Film stammt von Fernando Di Leo (Regisseur von "Oben ohne, unten Jeans" oder "Milano Kaliber 9“) und basiert auf einer Novelle des italienischen Schriftstellers Giorgio Scerbanenco, dessen ausgezeichnete literarische Vorlagen ebenfalls bei Filmen wie "Note 7- Jungen der Gewalt" oder "Das Grauen kam aus dem Nebel" als Grundlage dienten.

Mario, Luigi und Bowser äääh – Giovanni sind junge Männer, die aus gesitteten Familienverhältnissen zu stammen scheinen. Wir erfahren nichts über ihre Hintergründe oder ihre Vorgeschichte. Aus welchen biographischen Erlebnissen oder Persönlichkeitsmerkmalen ihre Lust am Verbrechen resultiert, wird nicht einmal ansatzweise angedeutet.
Alles, was wir zu sehen bekommen, sind ihre angesichts der von den drei Männern begangenen Verbrechen sprach- und ratlosen Eltern, die sich gegenüber dem aufgebrachten Polizeikommissar (wie immer grandios: Tomas Milian) zu verteidigen versuchen.
Letzterer wirft ihnen in seiner eigenen Erklärungsnot und Fassungslosigkeit vor, sich nicht ausreichend mit ihren Sprösslingen befasst zu haben und Mitschuld zu tragen an der Misere.
Doch seine Erklärungsmuster sind eindimensional und reichen angesichts der Brutalität und Skrupellosigkeit der jungen Männer nicht aus.


Das Trio infernale - Luis, Gio und Il Biondo
(von links nach rechts)


Luigi, genannt Luis, ist der Einzige der Drei, der noch so etwas wie ein Gewissen und Prinzipien zu haben scheint und sich bei den Verbrechen als Fahrer betätigt, aber nicht mordet.
Dennoch scheint er in einer Art emotionalen Verstrickung mit dem Kopf der Bande Mario (genannt "Il Biondo", also der Blonde) gefangen. Woraus diese resultiert wird nie eindeutig geklärt. Ist es Furcht? Wird er erpresst? Ist es eine Art verworrene Hassliebe? Es gibt zwar homoerotische Ansätze, aber diese werden nicht weiter konkretisiert.

Der Blonde sieht sehr bubihaft aus und wenn man rein nach seinem Äußeren gehen würde, könnte man meinen, dass er bestimmt ein ganz Netter ist, der alten Damen über die Straße hilft. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Seine Mordlust und emotionale Abgestumpftheit stehen im krassen Gegensatz zu seinem Aussehen.
Immer, wenn Luis Zweifel an dem Vorgehen der Bande einräumt, wird er vom Blonden geschickt manipuliert und verfällt sogleich wieder in seinen Mitläufer-Trott.

Giovanni, genannt Gio, ist der dritte im Bunde. Er sorgt für das nötige Quäntchen Wahnsinn. Er nimmt nichts ernst, macht ständig schlechte Witze und lacht den ganzen Film über in einer mehr als penetranten Art und Weise, die an seinem Verstand zweifeln lässt.

Interessant ist auch die Rolle von Lea, die mit Luis zusammen ist (oder das zumindest geglaubt hat).
Die intelligente junge Frau, die unfreiwillig von der Bande auf ihrem Raubzug mitgenommen wird, analysiert und durchschaut die Struktur der Bande und versucht sich beherzt zur Wehr zu setzen.
Dafür findet sie sogar Anerkennung vom Blonden, der dies gegenüber Luis sinngemäß mit dem Satz zum Ausdruck bringt, es wirke, als ob er seine Eier beim letzten Sex mit Lea an sie verloren hätte.

Tomas Milian ("Der Berserker", "Der Todesengel") hat für "Bewaffnet und gefährlich" eine Auszeit von seiner komödienhaften Monnezza-Rolle genommen, um sich wieder einmal den ernsteren Untertönen des Poliziottesco-Genres zu widmen. Eine Wohltat.
Laut Guerrieri hat es den Regisseur einige Überzeugungskraft gekostet, Milian dafür zu gewinnen, wieder einmal ohne Make-Up und/oder Perücke in einem Film mitzuwirken. Er deutet in der Doku von Raro an, dass es wohl einen Grund gab, warum Milian zu dieser Zeit Verkleidungen in seinen Filmen bevorzugte, hält sich aber bezüglich einer weiteren Erläuterung bedeckt.

Die Flucht vor der Polizei führt den Blonden, Luis und Gio von Mailand über die Peripherie auf's Land.
Ähnlich wie in "Banditen von Mailand" versuchen sie hier, ihre Spuren vor der Polizei zu verwischen, was ihnen allerdings nur bedingt gelingt.
Schließlich setzt die Polizei sogar einen Helikopter und eine Hundestaffel ein, um den weiterhin mordlustigen Verbrechern (sogar unschuldige deutsche Camper - Peter Berling als Herr Obrawalde - müssen ihr Leben lassen) Einhalt zu gebieten.
Die Szene, in der ein Polizeihund einem Blutrausch verfällt, erscheint etwas übertrieben und unnötig, hätte aber Lucio Fulci und Dario Argento bestimmt Freude bereitet.

Der Film baut durch die sinn- und motivlos wirkende Gewalt, die Raub, Morde und sexuelle Gewalt umfasst, in erster Linie auf die psychologische Ebene. 
Das bewegende Ende wirkt auf den ersten Blick überraschend, auf den zweiten mehr als konsequent und stimmt nachdenklich.

Wegen etwas unnötiger Längen und weitaus weniger Intensität in der Charakterdarstellung als bei inhaltlich vergleichbaren Filmen gehört "Bewaffnet und gefährlich" zwar nicht zur Speerspitze des Genres, aber dennoch zu den sehenswerteren Poliziotteschi.




Foto: DVD von Raro Video Italien



Sonntag, 21. September 2014

L'UOMO SENZA MEMORIA (1974)














DER MANN OHNE GEDÄCHTNIS
Italien 1974
Regie: Duccio Tessari
DarstellerInnen: Luc Merenda, Senta Berger, Umberto Orsini, Anita Strindberg, Bruno Corazzari, Rosario Borelli, u.a.


Inhalt:
Der Engländer Ted arbeitet unter einem falschen Namen in einem Antiquitätengeschäft in London. Nicht absichtlich. Dummerweise fehlt ihm nämlich nach einem Unfall das Wissen um seine wahre Identität. Er hat jegliche Erinnerung an die Zeit vor seinem Krankenhausaufenthalt verloren.
Auch ein Psychiater kann seinem Gedächtnis nicht auf die Sprünge helfen. Doch plötzlich tauchen Leute aus seiner Vergangenheit auf, die vorgeben zu wissen wer er ist.
Weitere Hinweise zu seinem wahren Ich erhofft sich Ted in Portofino zu erhalten. Seine italienische Ehefrau Sara hat ihn nämlich dorthin eingeladen.
Erst einmal angekommen gestaltet sich nicht nur das Wiedersehen mit seiner Angetrauten etwas kompliziert. Das Ehepaar wird nämlich beobachtet und bedroht...


George (links) und Ted


Senta Berger - was für eine Frau!


Duccio Tessari hat nur bei wenigen Gialli Regie geführt, nämlich drei an der Zahl. Und alle zählen zu meinen Lieblings-Gialli. Sie heben sich durch ihre Handlung und ihren Stil deutlich aus dem qualitativen Mittelfeld des Genres hervor.
Das für viele Gialli charakteristische style-over-substance Prinzip fehlt hier weitestgehend.
Sowohl "Das Grauen kam aus dem Nebel" als auch "Blutspur im Park" und eben "Der Mann ohne Gedächtnis" sind dafür von herausragender erzählerischer Qualität und inszenatorischer Dichte, wie man sie bei den italienischen Kriminalfilmen der 60er und 70er Jahre nur selten antrifft.
"Der Mann ohne Gedächtnis" ist im direkten Vergleich sicher der schwächste der Tessari-Gialli, aber hebt sich dennoch in positiver Weise von anderen 0815-Genrefilmen ab.

Ernesto Gastaldi, der Geschichten für unzählige Genredrehbücher erdachte, hat für "Der Mann ohne Gedächtnis" eine nicht allzu komplexe, aber bestens funktionierende Handlung auf's Papier gezaubert.
Die Faszination geht in erster Linie davon aus, dass Ted weder weiß, wer er selbst ist, noch was er sich in seiner Vergangenheit vielleicht zu Schulden kommen lassen hat. Denn in einem Punkt sind sich die meisten seiner ehemaligen Freunde, Geschäftspartner und sogar seine Frau einig – er war ein Mistkerl.

"Es ist besser, einen wie ihn zu verlieren als zu finden."
Sara über Ted

"Ich bin froh, dass du meine Frau bist."
Ted zu Sara beim ersten Wiedersehen

Ted bemüht sich redlich um seine Frau (dieser Teil der Geschichte nimmt für meinen Geschmack fast etwas zu viel Raum ein), die er offenbar vor einem Jahr in Italien sitzen gelassen hat und erweckt sogar den Anschein, ein besserer Mensch werden zu wollen, als er einst gewesen ist.
Dieses Vorhaben wäre wahrscheinlich um Einiges einfacher, wenn da nicht noch sein anderes Problem wäre – einer, der sich als sein "Geschäftspartner" ausgibt, behauptet, dass Ted ihn über's Ohr hauen wollte. Es geht um irgendeine Beute, viel Geld und schmutzige Geschäfte.
Abwechselnd steht der geheimnisvolle George vor Sara und Ted und verspricht beiden den sicheren Tod innert weniger Tage, wenn Ted nicht das Versteck der Beute preisgibt.

Wir Zuschauer tappen genauso im Dunkeln bezüglich der Forderungen von George wie auch bezüglich der Unsicherheit darüber, wem Ted überhaupt trauen darf.
Und dann stellt sich natürlich noch die Frage, was Ted tun wird/würde, wenn er sein Gedächtnis zurückerlangt. Denn eines steht fest: er hat sich seine Hände bei irgendeiner krummen Sache ziemlich schmutzig gemacht und befindet sich nicht nur durch Zufall in dieser vertrackten Situation. Wird er wieder zu seinem alten Ego zurückkehren und sich zu einem skrupellosen Schurken wandeln?
Genau diese Aspekte machen den besonderen Reiz des Films aus.

"Vielleicht hab ich jemandem was angetan und er lässt mich jetzt dafür bezahlen."
Ted zu Sara

Ich muss es immer wieder betonen. Luc Merenda, der in diesem Film den Mann mit der bewegten Vergangenheit spielt, war einfach eine coole Socke!
Der französische Schauspieler, der gerne auch Rollen in italienischen Genrefilmen annahm (z.B. "Auge um Auge", "Il poliziotto è marcio" oder "Torso") hatte nicht nur immer die stylischsten Schlaghosen und Sonnenbrillen an, sondern überzeugt auch in jeder Actionszene.
Der Darsteller mit dem athletischen Körper, der sogar eine Kampfsportart beherrschte, zeigt natürlich auch in "Der Mann ohne Gedächtnis" was er so drauf hat. Auch wenn die Kampfszenen hier zugunsten des Rätsels um die Machenschaften von Ted eher in den Hintergrund rücken.

An seiner Seite: die österreichische Schauspielerin Senta Berger in der Rolle seiner mutigen Frau Sara.
Der Name war und ist mir selbstverständlich ein Begriff, aber ich kannte bis dato keinen Film mit ihr, da sie sich wohl als ernsthafte Mimin verstand und bestimmte Genres deshalb eher gemieden hat, stelle aber fest, sie war gar nicht mal so unberühmt.
Gemeinsam mit Marisa Mell besuchte Senta Berger das berühmte Rainhardt Seminar in Wien, verließ es aber vorzeitig, da sie ohne die vorherige Zustimmung des Direktors eine Rolle angenommen hatte. Dies tat ihrer Karriere aber augenscheinlich keinen Abbruch und ihr beruflicher Werdegang führte sogar bis nach Hollywood.


Ja sie ist es - Anita Strindberg

Anita Strindberg spielt auch eine kleine Rolle in "Der Mann ohne Gedächtnis". Ich hatte zwar etwas Mühe, aber ich hab sie doch an ihrer Nase erkannt. Kein Witz.
Während sie in "Una lucertola con la pelle di donna" die Femme fatale par excellence mimte und auch in "The Child – Die Stadt wird zum Alptraum" und "Der Berserker" umwerfend gut aussah, ähnelt sie in diesem Film eher einem zu groß geratenen Pudel.

Bruno Corazzari, einer der beliebtesten Nebendarsteller im italienischen Genrekino, wirkte in zahlreichen Western, Poliziotteschi und Gialli mit. Hier hat er ausnahmsweise mal eine etwas größere Rolle – Teds Ganovenkumpane George: undurchsichtig und eindeutig gefährlich. Bereit, über Leichen zu gehen. Seine Taschentuch-Marotte macht ihn zu einem wahrhaft kultigen Schurken.

Gegen Ende geht’s noch mal richtig rund und die Kettensägen-Szenen sind wirklich besonders originell. Das halb offene Ende erstaunt, aber ärgert nicht.

Als Hintergrund für die intelligent verwobene und verworrene Story rund um den "Mann ohne Gedächtnis" dient die Kulisse der romantischen Hafenstadt Portofino und die stimmige und unter die Haut gehende musikalische Soundtrack-Untermalung von Komponist Gianni Ferrio (u.a. "Blutspur im Park" oder "Django - unbarmherzig wie die Sonne").
Italophiles Herz, was willst du mehr?




Foto: dänische DVD (Another World) und KOCH Media Digipack




Aushangfoto




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)



Sonntag, 14. September 2014

LA SETTA (1991)














THE SECT
Italien 1991
Regie: Michele Soavi
DarstellerInnen: Kelly Curtis, Herbert Lom, Mariangela Giordano, Michel Adatte, Giovanni Lombardo Radice (aka John Morghen), Donald O'Brien u.a.


Inhalt:
Amerika in den 70ern. Eine Hippie Kommune erhält Besuch von einem mysteriösen Fremden namens "Damon". Nach gemütlichem Beisammensein erleben sie in der Nacht eine unliebsame Überraschung.
Frankfurt in den 90ern - ein unscheinbarer Familienvater begeht Selbstmord, nachdem er von Polizisten wegen eines bestialischen Mords an einer jungen Frau gefasst wird - das "corpus delicti" (in dem Fall das Herz seines Opfers) noch in der Hand.
Nur wenige Tage später, in der Nähe von Offenbach. Die junge Lehrerin Miriam nimmt einen alten Mann, den sie versehentlich mit dem Auto angefahren hat, zu sich nach Hause mit und gerät dabei in die Fänge einer satanischen Sekte...


Charismatisch - Herbert Lom


Kelly Curtis - das Grauen steht ihr ins Gesicht geschrieben


Es erscheint mir eine schwierige Aufgabe, über einen Film zu schreiben, von dem ich einerseits das Gefühl habe, dass es wichtig ist, nicht zu viel von der Handlung zu verraten und dem man andererseits mit bloßen Beschreibungen und der Aneinanderreihung von Attributen nur schwer gerecht wird.
Es wäre aber auch jammerschade, nicht dezidiert auf dieses Kleinod des 90-er Jahre Horrorfilms hinzuweisen.

Bei dem nur wenig bekannten "La Setta" handelt es sich nach "Aquarius" und "The Church" um den dritten Spielfilm des talentierten italienischen Regisseurs Michele Soavi.

Ähnlich wie bei "The Church" wurde der Film hierzulande ausschließlich unter dem Namen Dario Argento, der in großen Lettern auf dem VHS-Cover prangte und wohl suggerieren sollte, es mit einem "reinrassigen" Argento-Film zu tun zu haben, vermarktet.
Seine Rolle war jedoch (lediglich) die des Produzenten und des -laut Soavi- Kontrolle ausübenden "väterlichen" Regiekollegen, der versuchte, Soavi zu beeinflussen und in seiner künstlerischen Freiheit etwas zu begrenzen.

"La Setta" ist ein herausragendes Glanzstück des italienischen Horrorfilms und einer der schaurigsten und alptraumhaftesten Filme nach dem "Mario-Bava-Zeitalter", der je in Bella Italia entstanden ist.
Kaum ein Film weist eine derartige Dichte an verstörenden und doch lyrisch anmutenden Alptraum-Sequenzen voller Symbolik auf wie "La Setta".


Wo die Leiter wohl hinführt?


Miriam (Kelly Curtis, die hübsche Schwester von Scream-Queen Jamie Lee Curtis) lebt zusammen mit ihrem Hasen in einem alten Haus am Waldrand, recht abgelegen von der Zivilisation.
Sie ist eine unsichere, aber hilfsbereite Frau und fühlt sich in der Gegenwart des alten Mannes (Charaktergesicht Herbert Lom!) unwohl.
Auch dem Hasen scheint der neue Gast nicht zu behagen.
Für Miriam wird die Begegnung mit dem mysteriösen alten Mann zu einem einschneidenden Erlebnis. Der Beginn eines nicht enden wollenden Höllentrips und einer von Paranoia getränkten Atmosphäre.

Der Kontakt mit dem alten Mann ist für Miriam zugleich die Einleitung einer unaufhaltsam voranschreitenden Entfremdung: vom eigenen Heim, sogar von ihrem Haustier und schließlich ihrem Arbeitsplatz und Menschen, die ihr einst nahe standen.
Sie kann niemandem mehr trauen, sich an keinem Ort mehr sicher fühlen, weder in der Realität noch in ihren nächtlichen Träumen.

Ähnlich wie das nachfolgende Soavi-Meisterwerk "Dellamorte Dellamore" fasziniert "La Setta" durch ästhetische Bildkompositionen, einen einprägsamen Soundtrack (Pino Donaggio!) und einer obskuren Handlung, in der Realität und Traum stark ineinander verwoben und nicht immer eindeutig zu unterscheiden sind.

Will man die beiden Filme direkt vergleichen, so könnte man "La Setta" als die düstere und etwas ernsthaftere Schwester des etwas bekannteren, bunteren und schwarzhumorigen Bruders "Dellamorte Dellamore" bezeichnen.

Das Problem von "La Setta",wenn man es als dies bezeichnen möchte, ist wohl, dass der Film zwar vielen Anforderungen an einen guten Horrorfilm entspricht, die Wünsche des potentiellen Zielpublikums aber nur bedingt zu erfüllen imstande ist:
Auf der einen Seite hätten wir da die Fans von eher subtilem und bavaeskem Gotik-Horror, deren Sehvergnügen durch allzu harte Gore-Szenen bzw. der vielfach gerügten und gerne zitierten "selbstzweckhaften Gewaltdarstellung" getrübt wird.
Auf der anderen Seite wären da die Kollegen aus der Gore-Bauern-Szene, für die "La Setta" zu langsam erzählt ist, zu viel Wert auf Atmosphäre legt und eindeutig zu wenige explizite Blut und Eingeweide-Szenen bietet.
Und zu guter Letzt hätten wir da noch Filmfreunde, die große Ansprüche an eine nachvollziehbare Story ohne von ihnen genauestens definierten "Logik-Lücken" wünschen.
Auch die werden mit diesem Okkultfilm nicht glücklich.

"The Sect" ist also der perfekte Film für ein aufgeschlossenes Publikum, das bereit ist, sich auf einen dunklen Horror-Trip einzulassen, sich nicht vor Gore-Szenen scheut und zugunsten von Optik auch auf ein durch und durch stringentes Erzählkino verzichten kann.

Empfehlenswert ist die italienische DVD von Cecchi Gori, durch deren Veröffentlichung dankenswerterweise der Film ungekürzt mit englischer Tonspur erhältlich wurde.


Das oben erwähnte VHS-Cover

Foto: DVD von Cecchi Gori




Foto: Blu Ray Mediabook von Koch Media




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)